Die Handicapschoner von Pebble Beach

So eindeutig der Sieg von Brandt Snedeker beim Pebble Beach Pro-Am war, so spannend wurde es in der Teamwertung. Weil Snedeker und sein Partner, der Masters-Starter Toby S. Wilt, am 18. Loch kein Birdie schafften, mussten sie sich den Preis für das beste Team mit Michael Letzig und dem Union-Bank-Vizepräsidenten John Erickson teilen. Doch wie die beiden Duos auf ihr Ergebnis von 31 unter Par kamen, hätte unterschiedlicher nicht sein können. Während sich Wilt auf die herausragende Leistung von Snedeker verlassen konnte, war Michael Letzig am Sonntag nur noch für das Team im Einsatz – er hatte den Cut verpasst. Dass er am Ende dennoch siegen konnte, verdankte Letzig seinem Partner, der alleine in den ersten drei Runden sage und schreibe 30 Schläge zum im Bestball-Modus (pro Loch zählt das bessere Resultat aus Brutto-Score des Profis und Netto-Score des Amateurs) ausgetragenen Ergebnis beigetragen hatte. Eine wahnsinnige Leistung – oder steckt vielleich doch mehr dahinter?

Nun ist es in der heutigen Zeit nicht sonderlich originell gerade einem Banker einen Hang zur Unehrlichkeit zu unterstellen. Doch wenn man sich die Ergebnisse des Pro-Ams vor Augen führt, muss sich Herr Erickson einige Fragen gefallen lassen. Denn nach drei Runden (weil für Letzig kein Einzelergebnis am Sonntag vorliegt, kann man den Schlusstag nicht zum Vergleich heranziehen) hatte Erickson zehn Schläge mehr zum Team-Ergebnis beigetragen als jeder andere Amateur im Feld. Da John Erickson mit Handicap 18 angetreten war, also an jedem Loch einen Schlag vor hatte, ist es sehr einfach das Spektrum seiner Leistung auszurechnen.

Am ersten Tag in Spy Glass Hill trug Erickson sieben Schläge zum Ergebnis bei, womit er zwischen 19 Stablefordpunkten (bei 11 Strichen) und 42 Nettopunkten (= eine 84) gespielt hätte. Bei der zweiten Runde in Pebble Beach machte er aus einer 78 von Michael Letzig eine 66 was gleichbedeutend mit einer Runde zwischen 29 Stablefordpunkten (bei 6 Strichen) und wieder 42 Nettopunkten (eine erneute 84) gewesen wäre. Und schließlich erzielte das Duo Letzig/Erickson im Monterey Peninsula Country Club eine sensationelle 58 in der Teamwertung obwohl Letzig gerade mal eine 69 spielte. Erneut muss Ericksons Ergebnis zwischen 29 Stablefordpunkten (bei 7 Strichen) und lässigen 44 Nettopunkten (einer 78) gelegen haben.

Aufgrund der vielen Punkte, die Erickson zum Ergebnis beitrug, ist es schwer vorstellbar, dass er pro Runde mehr als 2-3 Striche produzierte, womit der Amateur in jeder Runde mindestens sein Handicap gespielt haben muss. Und dies auf Plätzen, die von den Amateur-Abschlägen Slope-Ratings von 143, 140 und 134 aufweisen und somit für Bogey-Golfer nicht gerade zu den einfachen gehören – vom hohen Druck durch große Zuschauerzahlen und TV-Kameras ganz zu schweigen.

Wie ungewöhnlich war die Leistung von Erickson? Während des gesamten Turniers trug nur ein anderer Amateur in einer Runde mehr als zehn Schläge zum Teamergebnis bei: Bret Baier. John Erickson gelang dies dagegen gleich zwei Mal. Dass er von allen Amateuren, die am Schlusstag antreten durften, das höchste Handicap hatte, wirft zumindest die Frage auf, ob wir es bei ihm mit einem Sandbagger zu tun haben, der ein künstlich hohes Handicap führt um bei solchen Events seine Chancen zu verbessern (im Gegensatz zu einem Spieler wie Quarterback Tony Romo, der trotz Handicap 0 im Vorderfeld landete). Das Bizarre ist, dass abgesehen von ein paar Kommentatoren bei Twitter niemand Anstoß ob dieser verdächtigen Leistung nahm. Dabei entbrannte im Vorjahr ein regelrechter Shitstorm als J.P. McManus gemeinsam mit Padraig Harrington den Titel einfuhr und dabei in vier Runden lediglich 25 Schläge zum Teamergebnis beisteuerte – also vier weniger pro Runde als Erickson in diesem Jahr. Ein Scherzbold nahm dies damals zum Anlass, um sich kurzzeitig an der Wikipedia-Seite von McManus zu vergehen.

„Der begeisterte Golfer mit hohem Handicap ist regelmäßig in Pro-Ams vorne zu finden, wo er erstaunlich weit unter seinem Handicap spielt. Der zweifache Sieger der Alfred Dunhill Links Championship lag beim 2012 Pebble Beach Pro Am nach zwei Runden mit seinem Partner Padrig Harrington wundersame 25 under Par. Der Profi war dabei nur 8 under Par, womit McManus mindestens 17 Schläge unter seinen Handicap lag. Einfach erstaunlich, dass ein Spieler wie McManus mit so hohem Handicap plötzlich 9-10 Schläge pro Runde von seinem Handicap drückt, besonders unter Druck auf einem fremden Platz. Ein wahres Wunder des Sports.“

Vielleicht lag es bei McManus aber einfach nur in den Genen. Schließlich gewann sein Sohn Kieran 2009 die Alfred Dunhill Links Championship mit seinem Partner Sören Hansen. Der Däne landete in der Einzelwertung zwar 12 Schläge hinter Sieger Simon Dyson, hatte im Teamwettbewerb aber fünf Schäge Vorsprung auf den Zweitplatzierten weil der 15-Handicapper Kieran McManus sage und schreibe 36 Schläge in vier Runden zum Ergebnis beitrug. Der Internet-Pranger für die McManus-Familie war aber noch eine harmlose Konsequenz verglichen mit dem was Masashi Yamada zu spüren bekam. 1995 hatte der Japaner gemeinsam mit Bruce Vaughan den Pro-Am-Titel in Pebble Beach eingefahren, ging aber kurz darauf als der ultimative Sandbagger in die Golfgeschichte ein.

Vaughan, ein ehemaliger Feuerwehrmann, der erst mit 20 Jahren zum Golfsport fand, hatte sang- und klanglos um satte 10 Schläge den Cut verpasst, fand sich aber in der Amateurwertung noch im Rennen um den Titel wieder. Denn sein Partner Yamada, offiziell mit einem Handicap von 15 geführt, hatte aus Runden von 71, 75 und 79 mal eben Runden von 63, 65 und 64 gemacht – und mit einer Schlussrunde von 59 holte das Duo am Ende sogar mit drei Schlägen Vorsprung den Titel. Ein Sieg, der Dean L. Knuth misstrauisch machte. Der Handicap-Chefverwalter der United States Golf Association stolperte über das Ergebnis. „Es sah aus als habe er dem Team mit 45 Schlägen geholfen“, erzählte Knuth später Golf-Digest-Autor Michael Bamberger. „Angesichts ihres Ergebnisses gab es eine 0%-Chance, dass Yamada ein 15-Handicapper ist“.

Um seinen Verdacht zu überprüfen, schaltete Knuth seine Kollegen des japanischen Golfverbandes ein. Nach kurzer Zeit kam heraus, dass Yamada einige Golfplätze in Japan besaß und einer seiner Angestellten das Handicap von 15 verifiziert hatte – obwohl der 72-Jährige Immobilienmakler in anderen japanischen Clubs mit Handicaps zwischen 4 und 6 geführt wurde. Tatsächlich war der vermeintliche Hacker einer der besten Senioren-Golfer seines Heimatlandes. Die Organisatoren des Pebble Beach Pro-Ams reagierten schnell. Am 3. April, zwei Monate nach Beendigung des Turniers, bekam Yamada seinen Titel aberkannt. Stattdessen stehen seither David Duval und sein Amateur-Partner Hughes Norton in den Siegerlisten. Nur Bruce Vaughan, der keine Ahnung vom Vergehen seines Partners hatte, durfte seine 7.000 Dollar Preisgeld behalten.

Seither kontrollieren die Veranstalter des Turniers die Handicaps der Teilnehmer doppelt und dreifach – eine Garantie, dass jeder Sandbagger erwischt wird, gibt es jedoch nicht. Dass das Ergebnis von John Erickson ähnliche Kreise zieht wie das von Yamada ist nicht zu erwarten – schließlich besitzt er ein USGA-Handicap, das von den Veranstaltern eigentlich verifizierbar ist. Tatsache ist aber auch, dass die Parallelen frappieren sind. Wie Yamada hatte auch Erickson im Jahr vor seinem Sieg den Cut verpasst wodurch das Handicap von niemandem angezweifelt wurde. Und während Yamada dem Teamergebnis mit 33 Schlägen half, waren es bei Erickson gerade einmal drei weniger. Doch neben der Aberkennung des Titels hat die Turnierleitung eine weitere Option der Sanktionierung: Spieler, die als Sandbagger verdächtig werden, erhalten im nächsten Jahr keine Einladung mehr. Es wäre also keine Überraschung sollte der Name John Erickson 2014 nicht auf der Teilnehmerliste stehen.

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