Die Ryder-Cup-Lüge – Teil 1

Für jeden Golf-Fan ist der Ryder Cup das absolute Highlight. Wochenlang fiebert man auf dieses Ereignis hin, das die Atmosphäre eines Fußballspiels und den Spannungsaufbau eines Boxkampfes hat: erst langsames Abtasten, dann die ersten Tiefschläge und schließlich der K.O. TV-Stationen schicken extra viele Analysten und Reporter, die Zeitungen – besonders in den USA und Großbritannien – bauen das Ganze zum großen Klassenkampf auf und die ganze Welt sieht zu. Oder auch nicht.

Immer wieder finden sich in Artikeln Fabelzahlen und -aussagen über die Bedeutung des Ryder Cups im großen Ganzen. Vom drittgrößten Sportereignis der Welt ist da die Rede. Petra Himmel machte es in ihrer letzten Kolumne gar zum drittgrößten Medienereignis der Welt. Es ist schon ein Phänomen wie sich solche Urban Legends immer weiter verbreiten und niemand auch nur einmal drüber nachdenkt, was er/sie da schreibt. Oder wird hier etwa nur gezielte Desinformation betrieben um die Bedeutung des Ryder Cups zu übertreiben?

Damit diese Legende ein für alle Mal begraben wird, kümmern wir uns doch erst einmal um die Fakten. Um herauszufinden, ob der Ryder Cup wirklich das weltweit drittgrößte oder drittbedeutendste Sportereignis ist, werfen wir doch einfach mal einen Blick auf die weltweiten Zuschauerzahlen. Zur Klärung der Behauptung er sei das drittgrößte Medienereignis analysieren wir anschließend dann einmal die Zahl der akkreditieren Journalisten. Schließlich gibt dies einen guten Überblick, welche Rolle der Ryder Cup in den TV- und Zeitschriftenredaktionen dieser Welt spielt.

Was die TV-Zuschauerzahlen des Ryder Cups angeht, kursieren die unterschiedlichsten Zahlen in Artikeln. Das Handelsblatt redet von 500 Millionen, die Welt geht von 600 Millionen Zuschauern aus. Sportgate kommt auf 750 Millionen Zuschauer. Die Rheinische Post will gar 800 Millionen gezählt haben. Und die Golf-Time hat, weil es sich so schön anhört, einfach mal auf 1 Milliarde aufgerundet. Zahlen, die selbst die RC Deutschland GmbH für illusorisch erklärt. Sie redet auf ihrer Webseite davon, dass der Ryder Cup “in ca. 620 Millionen TV-Haushalte übertragen” wird. Das letzte Wort ist dabei das wichtigste Detail, das in sämtlichen Artikeln gerne vergessen wird. Nur weil eine Sendung in Haushalte übertragen wird, heißt dies nicht, dass sie auch von diesen gesehen wird.

Doch wie sehen die Zuschauerzahlen tatsächlich aus – und wie groß sind sie verglichen mit anderen Sportereignissen? Nehmen wir mal an, die geringste der genannten Zahlen, 500 Millionen Zuschauer, sei wahr. Aktuell gibt es geschätzt 7 Milliarden Menschen auf der Erde. Dies bedeutet jeder 14. oder gut 7% aller Menschen auf der Welt (einschließlich der im nicht-fernsehfähigen Alter oder ganz ohne Fernseher) müssten den Ryder Cup angeschaut haben. Als repräsentativen Vergleich ziehen wir einfach mal die Zuschauerzahlen aus den USA und Großbritannien (die Hauptprotagonisten), Deutschland (als Vertreter Kontinentaleuropas) und Australien (als unbeteiligter Dritter) für den jüngst zu Ende gegangenen Ryder Cup in Wales heran:

USA: 3 Millionen (0,96% der Bevölkerung)
Großbritannien: 1,6 Millionen (2,58% der Bevölkerung)
Australien: 25.000-28.000. (0,18% der Bevölkerung)

In Deutschland ist die Sache komplizierter, da Sky keine Zuschauerzahlen herausgibt. Aktuell hat man 2,5 Millionen Abonennten. Wenn jeder den Ryder Cup geschaut hätte, wären dies 3,08% der Bevölkerung. Die Wahrheit liegt wohl maximal bei einem Sechstel dieser Zahl.

Man sieht schon, dass auch die 500 Millionen vollkommen haltlos sind, da in nicht beteiligten Ländern das Interesse noch deutlich geringer ist. Wie groß ist es also insgesamt? Die britische Zeitung Independent hat anlässlich der Fußball-WM 2006 einmal eine Untersuchung über angebliche und reale Zuschauerzahlen angestrengt und dabei auch den Ryder Cup 2006 eingeschlossen. Das schockierende Ergebnis: Statt der angeblichen 1 Milliarde Zuschauer sollen in Wirklichkeit weltweit gerade einmal 6 Millionen (!) eingeschaltet haben. Noch schockierender ist allerdings welche Sportereignis real betracht weltweit mehr Interesse geweckt haben: Fußball-WM, Superbowl (wenn auch sehr US-zentriert) und Olympische Winterspiele waren logisch. Hinzu kommen aber auch noch Champions-League-Finale, Formel 1 und Indy-Car-Rennen, die Finalserien im Baseball und Basketball, das Wimbledon-Finale der Herren und die Tour de France. Und die Krönung des Ganzen: die U.S. Open und besonders das U.S. Masters waren deutlich populärer beim TV-Zuschauer als der Ryder Cup. Von den untersuchten 15 Sportereignissen hatte der Ryder Cup angeblich die zweitmeisten Zuschauer, in Wirklichkeit lag er jedoch nut auf Platz 13. Und es ist durchaus anzunehmen, dass noch einige andere Ereignisse, die in dem Jahr nicht stattfanden (Olympische Sommerspiele, Fußball-EM, Leichtathletik-WM) ebenfalls deutlich vor dem Ryder Cup liegen. Wenn er zu den 20 bedeutendsten Sportereignissen der Welt zählt, sollte man dies schon als Erfolg verbuchen. Und falls jetzt irgendjemand einwenden möchte, dass das Champions-League-Finale nur an einem Tag stattfindet und der Ryder Cup an dreien und man ihn deshalb auch dreifach zählen müsste: Nach dieser Rechnung hätte “Gute Zeiten, Schlechte Zeiten” 14 Milliarden Fans.

Bleibt also noch festzustellen ob der Ryder Cup wenigstens das drittgrößte Medienereignis ist. Beim diesjährigen Ryder Cup in Wales war die Rede von 1000 akkreditierten Journalisten. Eine mächtig beeindruckende Zahl, die doch wirklich was besonderes sein muss. Wer kann schon von sich behaupten 1000 Journalisten anzuziehen? Nun, die Russian Fashion Week, das Locarno Film Festival, die Segelregatta Route du Rhum und die Weltreiterspiele um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die Rugby WM kommt ebenso auf 2000 akkreditierte Journalisten wie die Turiner Buchmesse. Beim Weltwirtschaftsgipfel 1999 waren 3000 Journalisten anwesend, zur Cebit kommen jährlich über 5000, die Internationale Tourismusbörse zieht 7000 an und bei Olympischen Spielen und der Frankfurter Buchmesse sind meist um die 10000 akkreditiert. Als absoluter Höhepunkt dürfte die Fußball WM mit zuletzt 13000 Journalisten gelten.

Es dürfte damit zweifelsfrei feststehen, dass der Ryder Cup nicht das drittgrößte Medienereignis der Welt ist – mit etwas Glück ist er vielleicht in den Top 100. Und selbst unter den Sportereignissen ist das journalistische Interesse gerade mal oberer Durchschnitt. Und daran ist auch absolut nichts auszusetzen. Problematisch wird es erst, wenn in dutzenden Artikeln mit völlig illusorischen Zahlen um sich geworfen wird, die die Bedeutung des Ryder Cups überhöhen wollen. Weder schaut eine Milliarde Zuschauer zu, noch spült das Ereignis eine Milliarde Euro nach Deutschland wie ich jüngst in einem Forum lesen durfte (der Wirtschaftsbonus in Wales soll angeblich bei 50 Millionen Euro gelegen haben). Wer so etwas behauptet, lügt nicht nur, er handelt sogar vollkommen unverantwortlich. Wenn sich Deutschland um den Ryder Cup bewirbt sollte nicht mit unhaltbaren Behauptungen in den Medien dafür Stimmung gemacht werden. Eine bessere Steilvorlage kann man Zweiflern und Kritikern gar nicht geben.

5 Comments

  • buckelwal sagt:

    Nur dem besseren Verständnis wegen. Bedeuten die “[…]” bei obigen Kommentaren dass sie von Rüdiger “zurechtgestutzt” wurden oder wurden die so abgegeben?

    Nein, ich will keine Debatte über Zensur lostreten. Ich würde es sogar begrüssen wenn mehr oder weniger sinnentleerte oder nicht mit dem Artikel zusammenhängende Kommentare gar nicht erst veröffentlicht würden. Die Frage dient, wie schon erwähnt, lediglich dem besseren Verständnis.

    • Linksgolfer sagt:

      Das ist ein Trackback. In dem Artikel wurde auf diesen hier verwiesen. Das macht das Kommentarsystem automatisch. Keine Angst, keine Zensur… Ich hab allerdings deinen Kommentar editiert weil der Nick hier eher für Verwirrung sorgt

  • Tom Stein sagt:

    Ja, der Ryder Cup ist nicht das drittgrößte Ereignis weltweit. Aber leider macht der Autor bei seiner (berechtigten) Kritik einige gravierende Fehler, die ebenso genannt werden sollten!
    Im vierten Absatz heißt es: “Nur weil eine Sendung in Haushalte übertragen wird, heißt dies nicht, dass sie auch von diesen gesehen wird.” Dies interpretiert der Autor als “maximal 1 Zuschauer pro Haushalt”, was hanebüchener Unsinn ist: Als Haushalt wird gezählt, wer das Programm empfängt. Dazu muss mind. 1 Zuschauer es einschalten, häufig sitzen aber nicht nur Singles vor der Glotze.

    Als Maßstab der Größe eines Medienereignisses wird die Anzahl akkreditierter Journalisten gewählt – doch ist das eine ziemlich willkürliche Größe, zuverlässiger wäre die Anzahl der berichtenden Medien (denn ein Journalist kann für mehrere arbeiten) oder noch besser die Anzahl der Artikel oder noch besser die Anzahl der darüber publizierten Minuten oder Zeilen. Aber natürlich sind solche Zahlen schwieriger zu bekommen. Würde man der Anzahl akkreditierter Journalisten vertrauen, dann würde über die Fussball-WM mehr berichtet als über Olympia. Und das mag nun jeder selbst reflektieren nach 1 Woche Vor-Olympia und 2 Wochen Olympia-Live rund um die Uhr auf mehreren Sendern jeweils mit eigenem Fernsehstudio etc.

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