Gedanken zu Golf bei Olympia

Es ist entschieden: Golf ist 2016 in Rio De Janeiro wieder olympisch. Doch die Befürworter sollten sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Im Gegensatz zu Rugby, das mit nur acht Gegenstimmen ins olympische Programm aufgenommen wurde, hat Golf – das gerade einmal zehn Stimmen mehr als nötig erhielt – einiges zu tun, um sich als würdige Olympia-Sportart zu beweisen und einem ähnlichen Schicksal wie beispielsweise Softball zu entgehen, das nach kurzer Bewährungszeit wieder rausgeworfen wurde.

Zu einem großen Problem könnte sich dabei die Tatsache entwickeln, dass der erste olympische Auftritt von Golf ausgerechnet in Rio de Janeiro stattfindet. Denn die Bewerbung der brasilianischen Stadt hat bisher keinen Golfplatz in seinem Finanzplan einkalkuliert. Da die beiden bestehenden Golfkurse laut Aussage von Angel Cabrera für ein Profiturnier untauglich sind, wird vermutlich ein neuer Platz gebaut werden müssen. Die Kosten dafür werden zwischen 6 und 30 Millionen US-Dollar veranschlagt. Das mag sich für eine Olymbia-Bewerbung mit einem Budget von 14,4 Milliarden Dollar nach Peanuts anhören, doch in den Gesamtkosten sind Ausgaben für die Infrastruktur einkalkuliert. Das operative Budget liegt „nur“ bei 2,8 Milliarden Dollar, somit ist die brasilianische Bewerbung schon jetzt um bis zu einem Prozent überzogen.

Nicht gerade hilfreich für den puren olympischen Gedanken der Golf-Befürworter ist es da, dass unmittelbar nach der Bekanntgabe die „selbstlosen“ Golfplatz-Architekten, in erster Linie aus den USA, ihre Hilfe anboten. Jack Nicklaus Designs bezeugt großes Interesse am Bau eines Olympiakurses, und die zur PGA Tour gehörige TPC träumt gar von einem Resort mit mehreren Golfkursen. Ein riskantes Signal für eine Stadt, die ohnehin schon zu wenig Wohnraum hat und ein Land, in dem jeden Tag hektarweise Regenwald der Profitgier zum Opfer fällt. Und äußerst ehrgeizige Pläne für eine Nation, diegerade einmal 30000 Golfer zählt.

Womit wir bei einem weiteren Problem wären. Um Golf bei Olympia zu einem Erfolg zu machen, muss es zu einer Publikumsattraktion werden. Leere Stadien waren es, die Softball zum Verhängnis wurden und leere Fairways könnten auch den Golfern drohen. Denn der beste brasilianische Golfer, Alexandre Rocha, ist nicht unter den Top 500 der Weltrangliste zu finden – und wäre somit nicht einmal für das olympische Turnier qualifiziert. Und ob die Teilnahme eines Tiger Woods reicht, um die Zuschauer aus den Fußballstadien, dem Leichtathlekstadion und vom Beachvolleyball-Strand wegzulocken, muss doch bezweifelt werden.

Überhaupt sind die Qualifikationskriterien ein Problem. Immer wieder wurde während der Bewerbungsphase betont, dass ein Olympiasieg auch für die millionenschweren Golfprofis einen besonderen Stellenwert hat. Doch das auf 60 Teilnehmer begrenzte Feld (die Top 15 der Welt plus alle dahinter Platzierten, deren Land noch keine zwei Teilnehmer stellt), verhindert ein qualitativ hochwertiges Turnier. Zu denen, die nach momentanem Stand nicht einmal teilnehmen dürften, gehören:

  • Rory McIlroy
  • Lucas Glover
  • Zach Johnson
  • Ian Poulter
  • Anthony Kim
  • Hunter Mahan
  • Ross Fisher
  • Luke Donald
  • Alvaro Quiros
  • Simon Dyson
  • Graeme McDowell

Stattdessen wären 15 Spieler dabei, die schlechter als Platz 200 in der Weltrangliste platziert sind. Das macht das Turnier nicht nur weniger hochklassig als die vier Majors, sondern auch als die World Golf Championship-Turniere, die FedEx-Playoffs oder das Race to Dubai. Und da soll irgendein Golfprofi (oder ein Zuschauer) einen Sieg bei Olympia als Höhepunkt seiner Karriere einstufen? Eher nicht. Somit wäre ein Punkt, der alle erfolgreichen Olympia-Sportarten auszeichnet schon mal hinfällig.

Was sind die anderen Kriterien für eine erfolgreiche Olympiasportart? Eine der letzten Expansions-Disziplinen, Beachvolleyball, wurde durch seine Kleidung zum unmittelbaren Hit. Machen wir uns nichts vor: Damit ist beim Golf kein Blumentopf zu gewinnen – und die Hälfte der männlichen Sportler will eh kein Mensch nur in Boxershorts sehen. Ein zweites Erfolgskonzept ist der Nationalstolz. Sportler, die normalerweise nur für sich selbst oder ihren Verein antreten, repräsentieren plötzlich ihr Land. Nur dadurch wurde Basketball bei Olympia ein Hit. Das derzeitige Konzept für Olympia, bei dem nur Individualwettbewerbe durchgeführt werden, ist in etwa so als würden die Los Angeles Lakers gegen ALBA Berlin im Basketball-Wettbewerb antreten oder Bayern München gegen Inter Mailand um olympisches Gold kämpfen. Und wer erinnert sich nicht an das legendäre Doppel-Gold von Boris Becker und Michael Stich in Barcelona? Zwei verhasste Spieler, die plötzlich für eine Sache antreten: Solche Schlagzeilen gibt es nur wenn Tiger Woods und Phil Mickelson im klassischen Vierer antreten würden.

Der entscheidende Punkt für den Erfolg einer Olympia-Sportart ist allerdings ein ganz anderer: der direkte Wettstreit der Konkurrenten. Nur so kommt beim Zuschauer Spannung auf und – wichtiger noch – nur so wird man auch für das Fernsehen attraktiver. Wenn die Schwimmer alle individuell ihre Bahnen schwimmen würden und am Ende nur die Zeiten verglichen werden, verliert es jeden Reiz. Doch im übertragenen Sinne ist dies genau das Konzept, das den Verantwortlichen für Olympia vorschwebt: Ein Zählspiel über vier Runden. Warum so uninspiriert? Ganz einfach: Als es um das Konzept ging hat man u.a. Tiger Woods und Phil Mickelson um Input gebeten. Und die haben sich logischerweise für das altbewährte Konzept entschieden, denn im Zählspiel setzen sich meist die Favoriten durch, im Match-Play sieht das hingegen oft ganz anders aus. Doch sind es nicht gerade die Überraschungen, die zu unvergesslichen olympischen Momenten führen? Die Frank Busemanns und Dieter Baumanns, die aus dem Nichts aufs Treppchen laufen, schreiben Geschichte – und nicht die Athleten, die nur die Erwartungen erfüllen.

Doch noch ist nicht alle Hoffnung verloren, für alle Probleme gibt es genug Zeit für Lösungen. Ob die Funktionäre trotz Dollarzeichen in den Augen noch klar genug sehen, ist allerdings fraglich. Zum bevorstehenden Bau des Golfkurses schlagen Sportjournalisten beispielsweise die Einbindung lokaler Golfarchitekten oder die Beauftragung von Tiger Woods vor – inklusive eines Learningcenters für Kinder. Und auch was das Format angeht, könnte man mit ganz wenigen Handgriffen Golf einen neuen, interessanten Dreh verpassen, der es auch für das Fernsehen spannender macht. Zu erst einmal müssten die Felder größer werden um a) die Qualität des Feldes zu steigern und b) für mehr Internationalität zu sorgen. Mein Vorschlag aus dem Bauch heraus: Die Top 50 der Welt qualifizieren sich automatisch, weitere 78 werden nach dem derzeitigen Prinzip aufgefüllt. Diese 128 Starter spielen ein Zählspiel über zwei Runden aus. Die besten 64 (oder 32) qualifizieren sich für die Matchplay-Runde, mit der am Ende der Sieger gekürt wird. Es gibt sicherlich noch dutzende andere denkbare Varianten, die entweder den Head-to-Head-Aspekt oder den Team-Aspekt stützen. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: sie sind besser als ein Zählspiel und würden olympisches Gold tatsächlich zu etwas besonderem machen.

Doch das wird vermutlich ein Traum bleiben, denn die Olympischen Spiele sind genau wie Golf mittlerweile ein Kommerzprojekt geworden, bei dem die Interessen der Spitzenspieler und der Industrie höher wiegen als die der Zuschauer. Natürlich wird allein die Aufnahme von Golf ins olympische Programm für einen Golfboom sorgen – allerdings nur in Nationen wie China, bei denen der Sport politische Zwecke erfüllt. Die Golfindustrie frohlockt also bereits jetzt übere höhere Absätze in Asien, für Deutschland wird ein ähnlicher Effekt wohl erst eintreten, wenn ARD und ZDF live davon berichten wie Martin Kaymer die Goldmedaille um den Hals gehängt bekommt.

Nun werden einige sagen: Lasst die doch erst einmal machen, und was 2016 nicht funktioniert, das wird dann halt für 2020 passend gemacht. Doch so leicht ist das nicht. Um die Kritiker zu überzeugen, die Golf bei der Abstimmung ihre Zusage verweigert haben, muss bereits 2016 ein Erfolg werden. Denn Golf ist nicht etwa auf Lebenszeit ins olympische Programm aufgenommen worden, sondern nur für 2016 und 2020 – und selbst die Teilnahme im Jahr 2020 muss 2017 noch einmal abgenickt werden. Wenn also nicht nachgebessert wird, könnte es durchaus sein, dass es ein Pyrrhus-Sieg für die Verantwortlichen war und die Wiederaufnahme unseres schönen Sports als vertane Chance in die Golf-Historie eingeht.

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