HuLoPo – 99 ist für Weicheier

Das HuLoPo-Suvivalabzeichen
Das HuLoPo-Suvivalabzeichen

Es gibt einige Dinge, die mir im Golfsport Ehrfurcht einjagen: 400-Yard-Drives. Der Tiger Slam. Ben Hogans Comeback. Erik Compton… Doch am letzten Freitag sind zwei Männer dazu gekommen: einer, der zum 30. Mal am HuLoPo im Hamburger Golf Club teilgenommen hat, und einer, der sich diese Tortur noch mit 68 Jahren angetan hat. Ja, ich muss zugeben, dass der Hundert-Loch-Pokal ein einmaliges Erlebnis ist. Aber für mich eher im Sinne von Einmal und nie wieder.

Warum? Das lässt sich besser in bewegten Bildern als in Worten beschreiben. Vor dem HuLoPo gibt man sich noch ganz arrogant so:

Nach dem HuLoPo geht es einem dann allerdings so:

Es gibt nur einen Unterschied: Der körperliche Zustand nach dem HuLoPo ist schlimmer. Nicht nur sind die Beine so schwer, dass man nach jedem Aufstehen einige Minuten braucht, um in Gang zu kommen. Zu den negativen Begleiterscheinungen gehörten bei mir am Tag danach eine schmerzende Hüfte, zwei dicke Blasen am Fuß und vor allen Dingen ein mächtig angeknackstes Ego ob der 563 Schläge. 30 Stunden zuvor sah die Sache noch anders aus. Um 3.30 Uhr morgens hieß es antreten im Hamburger Golf Club – dem besten Platz Deutschlands, der einem nicht ständig von Anzeigenseiten in Golfmagazinen entgegen springt.

Seit 1966 ist der HuLoPo Tradition in Hamburg. Entstanden ist er, wie sollte es auch anders sein, aus einer Schnapsidee. In einer Bar kamen Jochen Wortmann, Henning Sostmann – erster Sieger und Spiritus Rector der Veranstaltung, der es sich auch mit 74 Jahren nicht nehmen ließ, mitten in der Nacht die Scorekarten auszuteilen – und drei weitere Mitstreitern auf die Idee, doch einfach mal 100 Löcher an einem Tag zu spielen. Die 2015er Edition des HuLoPo war somit die 50. Ausgabe. Um dies gebührend zu feiern, hatte der Club nicht nur für jeden Teilnehmer ein Leder-Bag-Tag herstellen lassen, sondern auch die Golfpresse eingeladen, sich einmal selbst ein Bild von dieser Extremsportart zu machen.

Tatsächlich hatte ich schon jahrelang mit dem Gedanken gespielt, an einem HuLoPo teilzunehmen – es aber aufgrund einer Geschichte von Rückenleiden nie gemacht. Doch die Einladung erwischte mich in einem schwachen Moment. Der Bandscheibenvorfall machte keine Probleme, der Aufbau der Rücken- und Bauchmuskulatur war erfolgreich abgeschlossen und auch sonst gab es keine Zipperlein – zumindest bis ich meine Teilnahme am HuLoPo zugesagt hatte. Eine Kinovorstellung „Jurassic World“ später hatte sich die Muskulatur der Lendenwirbelsäule wieder verspannt. Kombiniert mit einer Wettervorhersage voller Regen und einem seit 14 Tagen völlig verloren gegangenen Schwung, standen die Vorzeichen schlecht. Aber zum Schwanz einziehen war es jetzt zu spät.

Die HuLoPo-Regeln

Drei Philosophien von Spielern treffen beim HuLoPo aufeinander. Die einen sind die sportlich Ambitionierten, die auf den Bruttoteller oder den Nettokelch scharf sind, oder die Marke X unterbieten wollen. Die zweiten bilden die Sammler der Medaillen, die der Club für jede fünfte Teilnahme am HuLoPo vergibt. Und schließlich ist da noch meine – zumeist von den Neulingen gebildete – Fraktion, der es nur um eine einzige Sache geht: Überleben.

Das erste Abenteuer ist dabei schon der Weg zum ersten Tee. Weil es noch eine halbe Stunde vor offiziellem Sonnenaufgang im Kanonenstart losgeht, müssen sich die Zweierflights den Weg zum ersten Abschlag fast noch ertasten. Auch deshalb ist eine Sonderregelung für den HuLoPo sinnvoll: wer seinen Ball verliert, darf ihn mit Strafschlag dort droppen, wo man ihn vermutet. Ein beruhigendes Gefühl, wenn der Ball in den Nachthimmel verschwindet.

Wie die 100 Löcher gespielt werden, ist theoretisch offiziell geregelt – in der Praxis macht es jeder jedoch nach seiner eigenen Fasson. Die Idee ist, dass zuerst 46 Löcher gespielt werden, dann gibt es eine Mittagspause, dann folgen 36 Löcher, eine kurze Pause und noch einmal 18 Löcher. Insbesondere der erste Teil sorgt dabei für Verwirrung. Eigentlich soll man 18 spielen, dann zur 1 gehen und die letzten 28 Bahnen spielen, damit jeder die gleichen 100 Löcher auf der Scorekarte hat. Doch viele spielen einfach ihre 46 Löcher hintereinander weg. Letztlich kommt es nicht darauf an, ob jemand nun ein Par 392 oder ein Par 395 gespielt hat – und so entgeht man einem potenziellen Stau am ersten Tee.

Konstanz ist eine Stadt am Bodensee

Das vielleicht Spannendste am HuLoPo ist, zu vergleichen, wie sich die Ergebnisse entwickeln. Und anders als erwartet, werden die Scores nicht unbedingt schlechter, je länger man spielt. Zwar spielten 10 Teilnehmer ihr bestes (oder geteilt bestes) Ergebnis in der ersten Runde. Aber auch in allen anderen Runden hatten zwischen sechs und acht Spieler ihre Bestleistung – sei es weil der Regen nachließ, oder weil man mit schwindender Kraft rhythmischer schwingt.

Erstaunlich leicht war es allerdings, das Tempo zu halten. Wobei man sagen muss, dass der HuLoPo vermutlich das einzige Turnier in Deutschland ist, wo man 18 Löcher in 2 Stunden 45 Minuten spielt, immer Anschluss nach vorne hat und von hinten zu hören bekommt: „Wir müssen schneller werden!“ Gab es den Gedanken ans Aufgeben? Auf jeden Fall. Als nach 23 Löchern der Rücken anfing zu zwicken, schien es unmöglich, dass er noch weitere 77 Löcher durchhalten würde. Zumal die Motivation ins Bodelose stürzte, als sich noch vor der Mittagspause der 15. Ball in die Heide von Falkenstein verabschiedete, weil der Schwung nicht kooperierte. Doch Hinschmeissen war keine Option – den Versuch 100 Loch zu spielen würde man nach dieser Schmach nicht noch einmal wagen. Und siehe da: die Mittagspause veränderte alles.

Nicht, dass danach hochklassiges Golf folgen sollte, aber ein Chip-In-Birdie am ersten Loch nach der Stärkung war dann doch ein Schub für die Moral. Zwar blieben die Katastrophenlöcher nicht aus – immerhin reden wir hier über 100 Löcher Zählspiel – aber zumindest blieb das Gesamtergebnis für die letzten 54 Löcher unter 300. Vermutlich, weil keine Kraft mehr da war, den Ball in die Wallachei zu jagen. Immerhin hatte ich an diesem Tag mehr Löcher Golf gespielt als im gesamten Jahr 2014.

Ein echter Marathon

Erstaunlicherweise war es mit fortschreitender Dauer nicht der Rücken, der ums Ende bettelte, sondern die Beine. Denn man sollte nicht unterschätzen, welche Distanz man beim HuLoPo absolviert. Verschiedene Teilnehmer hatten ihre gelaufene Strecke mit Schrittzählern oder Lauf-Apps protokolliert – und kamen auf Werte zwischen 53 und 57 Kilometern. Und das wohlgemerkt nicht auf brettebener Prärie, wie man in Norddeutschland erwarten würde. Das Gelände im Nobel-Stadtteil Blankenese hat einige harte An- und Abstiege zu bieten. Spätestens in Runde vier brennen die Beine und schmerzen die Kniescheiben. Und in der Schlussrunde wird jedes Aufteen oder Ball aus dem Loch zu holen zur echten Qual.

Doch neun Löcher vor Schluss stieg die Energie noch einmal an. Ob es nun am eingeworfenen Ibuprofen lag, oder am ausgeschütteten Adrenalin ob der nahenden Ziellinie. Aber die Spielgeschwindigkeit wurde noch einmal schneller, die Drives wieder länger und die Scores besser. Um 20.25 Uhr war es schließlich so weit. Nach exakt 15 Runden reiner Spielzeit (eine Stunde Mittagspause abgerechnet) waren 100 Löcher absolviert. Das sind neun Minuten pro Loch oder 2 Stunden 42 Minuten für eine 18 Loch Runde. Ein großer Spaß? So würde ich es nicht gerade bezeichnen. Ein Erlebnis? Auf jeden Fall! Wie oft kann man schließlich einen herausragenden Platz, der normalerweise 80 Euro Greenfee kostet, fünfeinhalb Mal für zusammen 50 Euro spielen? Alleine deshalb lohnt es sich für jeden (so er denn unter der Handicapgrenze von 15,4 liegt), einmal teilzunehmen. Aber erwartet nicht, dass ihr mich als Spieler wieder seht. Das würde mir mein Körper nicht verzeihen. Aber viele von den Verrückten aus diesem exzellenten HuLoPo-Video von Sven Henig sind sicher auch im nächsten Jahr wieder dabei.

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