Profigolfer am Rande des Nervenzusammenbruchs

Dass Golf nicht nur in den Armen oder in der Hüfte stattfindet, sondern mindestens zu 50% auch zwischen den Ohren, kann jeder bestätigen, der schon einmal auf dem Weg zur besten Runde seines Lebens die letzten beiden Löcher weggeworfen hat, weil er plötzlich begann über das nachzudenken, was vorher automatisch passierte. Nicht umsonst werden im Golfsport so viele Psychologen beschäftigt wie in kaum einer anderen Sportart – und können Mentalbücher ganze Bibliotheken füllen. Mit einigen davon wird in der vergangenen Nacht vermutlich Robert Garrigus ins Bett gegangen sein, denn was ihm auf dem Schlussloch der St. Jude Classic geschah, wird als einer der größten Kollapse in die Golf-Geschichte eingehen.

Mit einer Drei-Schläge-Führung ging Garrigus auf den Abschlag des 18. Lochs. Dass er begann über seine Situation nachzudenken konnte man schon daran sehen, dass er defensiv mit dem Hybrid abschlug. Nur ins Fairway bringen, bloss nicht ins Wasser lautete seine Devise. Und da das Gehirn des Menschen auf seltsame Weise funktioniert, führt es unterbewusst immer den letzten Gedanken aus: Wasser! Doch noch war nichts verloren. Strafschlag, den dritten sicher raus, den vierten aufs Grün und mit zwei Putts das Doppelbogey nach Hause schaukeln. Doch was macht Garrigus? Brezelt sein Eisen 7 gegen einen Baum und ins dicke Rough, kann nur rauspunchen und endet mit einem Triple-Bogey. Dass er im anschließenden Playoff als Erster rausflog, war nur konsequent. Doch Garrigus war längst nicht der erste, dem im entscheidenden Momenten die Nerven versagten – und er wird auch nicht der letzte bleiben. Hier dreizehn der größten Nervenversager – oder wie der Amerikaner schön blumig formuliert: „choke artists“ – die allesamt die Ratschläge von Gary Player nicht befolgt haben.

1939: Sam Snead, U.S. Open
Selbst die ganz Großen sind vor Versagen nicht gefeit. Sam Snead wurde 1939 ein Opfer der fehlenden Leaderboards. Als er auf das letzte Loch ging, flüsterte ihm ein Vögelchen, dass er ein eben solches für den Sieg brauchte. Also schaltete Snead in den Angriffs-Modus statt auf ein sicheres Par zu spielen, das in Wirklichkeit für den Sieg gereicht hätte. Sein Abschlag fand eine solch üble Lage im Rough, dass Snead am Ende ein Triple-Bogey auf der Scorekarte notieren musste. Statt dem Sieg blieb ihm am Ende Rang 5.

1966: Arnold Palmer, U.S. Open
Bei der U.S. Open 1966 im Olympic Golf Club bot sich den Zuschauern ein Bild, das sie so noch nicht gesehen hatten. Der große Arnold Palmer, Gewinner von 47 Turnieren auf der Tour – darunter sieben Majors – erlebte einen Zusammenbruch, der seines Gleichen suchte. Mit sage und schreibe sieben Schlägen Vorsprung ging er auf die Back-9 seiner Schlussrunde. Doch eine Rallye von Billy Casper brachte Palmer aus dem Gleichgewicht. Er spielte Sockets, verzitterte Putts und spielte insgesamt vier Bogeys. Einen Tag später musste er daher im 18-Loch-Playoff gegen Casper antreten – und wiederholte das Szenario. Dieses Mal lag er zwar nur mit zwei Schlägen vorn, verlor auf den letzten acht Loch aber insgesamt sechs Schläge auf Casper. Zwei schwarze Tage für Arnold.

1983: Hale Irwin, Open Championship
Nein, Hale Irwin verlor die Open in Royal Birkdale nicht auf den letzten Löchern. Er verspielte auch nicht einen riesigen Vorsprung. Und dennoch gehört er auf diese Liste, dank eines völligen Aussetzers auf dem 14. Loch. Nach einem verfehlten Putt war Irwin ein klein wenig verärgert über sich selbst und versuchte halbherzig und leger das Tap-In zum Par zu vollenden. Jetzt denken Sie sicher, dass er den Putt verschob. Falsch: Er traf den Ball noch nicht einmal und machte einen Luftschlag. Mit dem Putter. Am Ende lag er einen Schlag hinter Tom Watson.

1985: Payne Stewart, Byron Nelson Classic
Es ist heutzutage kaum zu glauben, aber Payne Stewart hatte einmal das Image eines Nervenbündels. Regelmäßig brachte er sich in Position ein Turnier zu gewinnen – und regelmäßig scheiterte er. Zwar hatte er schon zwei Turniersiege auf dem Konto, aber lange schien es, als sollte es dabei bleiben. Selten wurde dies deutlicher als bei der Byron Nelson Classic im Jahr 1985. Am Abschlag des letzten Lochs lag Stewart mit drei Schlägen vorn, und selbst als Bob Eastwood in der Gruppe davor Birdie spielte, reichte Stewart immer noch ein Bogey zum Sieg. Doch erst fand er den Fairwaybunker und anschließend den Grünbunker. Er toppte den Ball an die entlegenste Ecke des Grüns und fand sich drei Putts später im Playoff wieder. Ein Umstand, der ihn so ärgerte, dass er auf dem Weg zum ersten Playoff-Loch einen wilden Fluch heraus schrie. Dort machte er mit einem Doppel-Bogey kurzen Prozess und verabschiedete sich aus einem weiteren Titelrennen. Erst 1987 sollte er wieder einen Titel feiern.

1985: Tze-Chung Chen, U.S. Open
Mit 203 Schlägen nach drei Runden stellte der Taiwanese T.C. Chen 1985 einen neuen U.S. Open Rekord auf. Doch auf dem fünften Loch der Schlussrunde brach alles auseinander. Beim Versuch den Ball mit dem vierten Schlag (am Par 4) aus dem dichten Rough aufs Grün zu chippen, berührte Chen den Ball zwei Mal. Mit einem schwachen Chip-Zwei-Putt vollendete er das Desaster zu einem Doppel-Par. Ein Ergebnis, das ihn so aus der Bahn warf, dass er sich danach auch noch auf den Löchern 6, 7 und 8 ein Bogey einhandelte. Am Ende lag er einen Schlag hinter dem Sieger Andy North.

1989: Scott Hoch, Masters
Irgendetwas muss Nick Faldo an sich gehabt haben, dass seine Gegner reihenweise versagen ließ. 1989 beim Masters erwischte es Scott Hoch. Mit einem Schlag in Führung ließ er Faldo an der 17 mit einem Bogey wieder ins Spiel kommen. Das alleine hätte noch nicht gereicht um auf diese Liste zu kommen, dazu bedurfte es das Playoff. Am ersten Playoff-Loch, der 10, hatte sich Faldo mit einem Bogey eigentlich schon rausgeschossen. Hoch hatte das Grün in Regulation erreicht und war zwei Putts vom Grünen Jackett entfernt. Souverän legte er seinen ersten Putt auf etwa 50cm an das Loch, doch dann begann das große Zittern. Statt das Ding einfach zu stopfen, überanalysierte er minutenlang seine Lage, begann nachzudenken und rannte den Putt 2 Meter übers Loch. Zwar lochte er den Rückputt, doch am nächsten Loch nutzte Faldo eiskalt seine zweite Chance und gewann.

1991: Mark Calcavecchia, Ryder Cup

Das in Erinnerung bleibende Bild vom Ryder Cup 1991 ist das Entsetzen von Bernhard Langer als er einen Zwei-Meter-Putt verschob und den USA nach langer Durststrecke wieder mal einen Sieg bescherte. Doch hätte der gute Bernie gelocht, wäre das prägende Bild das eines hemmungslos heulenden Mark Calcavecchia gewesen. Der hatte den vorzeitigen Sieg der USA bereits so gut wie in der Tasche, als er vier Löcher vor Schluss vier Loch Vorsprung auf Colin Montgomerie hatte. Ein geteiltes Loch und alles wäre gelaufen, doch der diesjährige Ryder Cup Kapitän Europas holte sich die 15, die 16, die 17 und die 18 – mit kräftiger Mithilfe Calcavecchias, der u.a. mit einem Socket seinen Abschlag an der 17 ins Wasser beförderte (nachdem Montgomerie bereits das Wasser fand) und anschließend noch einen Ein-Meter-Putt zum Teilen verschob.

1996: Greg Norman, Masters
Es ist der wohl berühmteste Zusammenbruch der Golf-Geschichte. Nach einem Platzrekord zum Auftakt und zwei weiteren guten Runden ging der Australier mit sage und schreibe 6 Schlägen Vorsprung auf Nick Faldo in die Schlussrunde. Der spielte eine 67 wodurch Norman eine Even Par Runde zum Sieg gereicht hätte. Doch der gute Greg spielte insgesamt fünf Bogeys und zwei Doppelbogeys für eine 78. Seine Zusammenbruch war dermaßen schockierend, dass nicht nur die Zuschauer auf dem Platz und am Fernseher kaum zuschauen konnte, selbst dem stoischen Faldo konnte man das Mitleid für seinen Gegenspieler ansehen.

1999: Jean Van De Velde, Open Championship

Barry Burn. Zwei Worte, die den Franzosen Jean Van De Velde bis ins Grab verfolgen werden. Mit drei Schlägen Vorsprung ging er auf die 18. Bahn von Carnboustie. Zugegeben ein äußerst schwieriges Loch, doch wenn ein Doppelbogey zum Sieg reicht, dann doch eigentlich ganz simpel. Eigentlich. Doch Van De Velde wollte mit Bravour ins Ziel. Sein viel zu aggressiver zweiter Schlag prallte von den Tribünen in nahezu unspielbares Rough ab. Von da hackte er den Ball in den Barry Burn, dachte minutenlang darüber nach ihn aus dem Fluss zu spielen, nahm den Strafschlag – und spielte in den Grünbunker. Dass er nach dem Triple-Bogey das Playoff gegen Paul Lawrie verlor, war die logische Konsequenz.

2002: Thomas Björn, Open Championship
Nach 14 Loch der Finalrunde in Royal St. George’s führte der Däne Thomas Björn mit drei Schlägen Vorsprung auf Ben Curtis. Selbst das Bogey an der 15 war noch kein Beinbruch. Doch dann landete sein Abschlag an Loch 16, ein Par 3 im Grünbunker. Zwei Mal schlug Björn ihn heraus – zwei Mal rollte er wieder zurück. Mit einem Doppelbogey hielt er das Desaster noch in Grenzen, doch der Schaden war groß genug. Vor allem mental. Nach einem weiteren Bogey an der 17 hatte er endgültig den Claret Jug verspielt.

2005: Lorena Ochoa, U.S. Women’s Open
Selbst die weltbeste Golferin war vor Nervenversagen nicht gefeit. In guter Position für das Titelrennen produzierte Ochoa am 18. Loch den vermutlich übelsten Abschlag seit sie das erste Mal einen Golfschläger in die Hand genommen hat. Ihr Driver schlug mehrere Zentimeter vor dem Ball auf den Boden ein, prallte ab und produzierte ein wunderschönes Socket, das den Ball nur wenige Meter weit direkt links in den Teich katapultierte. Dass sie anschließend noch den Schlag ins Grün in die Tribünen katapultierte war dann nur noch das i-Tüpfelchen. Mit einem Doppel-Par lag sie am Ende genau vier Schläge hinter der Siegerin.

2006: Phil Mickelson, U.S. Open

Es war das Turnier der Versager. Erst verspielte Colin Montgomerie mit einem Doppelbogey an der 18 seine vermutlich letzte Chance auf ein Major und anschließend tat es ihm Phil Mickelson gleich. Obwohl er bereits an der 17 seinen Abschlag treffsicher in einen Mülleimer verzog und den ganzen Tag kaum ein Fairway mit dem Driver traf und mit einem Schlag führte, zückte er auch am letzten Tee die große Waffe – und verzog spektakulär nach links in die Zuschauerzelte. Anschließend versuchte er einen Kunstschuss, traf dabei einen Baum und gab so den sicher geglaubten Titel aus der Hand. Zumindest sah er im anschließenden Interview seinen Fehler ein: „Ich bin so ein Idiot!“, diktierte er geknickt den Journalisten in seine Notizbücher.

2010: Dustin Johnson, U.S. Open


Mit drei Schlägen Vorsprung ging Dustin Johnson in die Finalrunde der U.S. Open 2010. So wie Wimbledon das Wohnzimmer für Boris Becker war, ist Pebble Beach es für Dustin Johnson. Bereits zwei Mal, zuletzt erst einige Monate zuvor, konnte Johnson hier das AT&T National Pro-Am gewinnen. Die Führungsposition war also nicht völlig neu für ihn und der ärgste Verfolger, Graeme McDowell, niemand bei dem es bis dato der Konkurrenz eiskalt den Rücken runter lief. Doch die Chance ein Major zu gewinnen, übte ihre seltsame Macht auch auf Johnson aus. An Loch 2 landete er im dicken Rough am Rande eines Grünbunkers – und brauchte drei Schläge um die drei Meter zum Grün zurückzulegen: Triple-Bogey. Plötzlich klappte bei ihm nichts mehr. Zwei versiebte Drives später hatte er auf drei Loch sechs Schläge verloren und den sicher geglaubten Sieg bereis an Loch vier verspielt. Es sollte nicht sein letzter Major-Zusammenbruch des Jahres bleiben. An Loch 18 der PGA Championship verspielte er nach schwachem Abschlag und Regel-Fauxpas eine weitere Führung.

2011: Kyle Stanley, Farmers Insurance Open


Sieben Schläge betrug der Vorsprung von Kyle Stanley auf die Konkurrenz zwischenzeitig. Der bröckelte zwar leicht, aber als Stanley auf den Abschlag der 18 kam hatte er immer noch drei Schläge Vorsprung auf Brandt Snedeker. Das Ding war im Sack, schließlich ist die 18 in Torrey Pines kein besonders schwieriges Loch. 70 Spieler waren vor ihm an diesem Tag über das Loch gegangen: zwei hatten ein Bogey kassiert, zwei ein Doppelbogey, der Rest Pars oder in der Mehrzahl Bogeys. Nachdem Stanley auch noch seinen Abschlag 280 Meter ins Semirough platziert hatte, war der Drops gelutscht. Sogar Kurskommentator Gary McCord hatte sich schon ins Auto gesetzt und auf dem Weg nach Hause gemacht. Doch dann wurde Stanley feige. Er legte mit dem zweiten nur vor und bekam zu viel Spin auf seinen dritten Schlag, der mit der letzten Umdrehung ins Wasser zurückrollte. Einen Dreiputt später hatte er seine Führung verspielt und musste ins Playoff. Und als ob ihm das Schicksal den Stinkefinger zeigen wollte, spielte er die 18 dort in Birdie. Das reichte jedoch nicht und am zweiten Extraloch wurde deutlich, dass es nicht Stanleys Tag war. Snedeker verzog seinen Abschlag, doch ein Kameraturm hielt ihn vor dem Wasserhindernis auf und er rettete das Par – und holte sich den Sieg.

5 Comments

  • motzi sagt:

    Wo ist hier Rory’s 80iger Runde beim Masters ;o)

    Ist doch schön zu sehen, daß Sieger im Kopf gemacht werden.

  • stefan sagt:

    Hallo Linksgolfer,

    großes Lob !!!

    Deine Seite ist eine der Besten deutschen Golfseiten.

    Und das Alles privat und ohne Werbung. Respekt!

    Stefan

  • solidsocket sagt:

    Hey.

    Super Artikel mal wieder. Gibt es keine Videos zu Ochoa?
    Rory beim Masters fehlt aber tatsächlich, das war doch allemal historisch.
    Zu Kyle Stanley: Was ist denn daran feige, den zweiten vorzulegen? Gab doch absolut keinen Anlass zu attackieren, war ja auch nicht einfach über das Wasser. Ich hab mich eher gewundert wieso er überhaupt den Driver abschlägt.
    Dass der eigentlich gute 3. Schlag tatsächlich ins Wasser gerollt ist, war wirklich großes Pech: Zuviel Adrenalin, ganz schlechter Kick beim ersten Aufkommen und dann war er auch auf der Böschung schon 2x fast liegen geblieben.. Beim 5. Schlag dann nochmal Pech, fast wäre er noch zum Loch gerollt. Und dann noch das Glück für Snedecker mit dem Kameraturm.. Ist schon sehr mies gelaufen, ich hatte Mitleid :)

  • 2 Wochen nach Deinem Artikel hat auch Golf.de die passende Bilderstrecke: http://golf.de/publish/dia.cfm?serieDia=3044

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