Review: Tiger Woods PGA Tour 12: The Masters für PS3

Die 2012er (kalendarisch 2011er) Edition der erfolgreichen Videospiel-Franchise ist das Gleiche in Grün. Während sich das Gameplay nur marginal verändert hat, ist die Aufmachung eine komplett andere – und das hat in erster Linie mit der Farbe Grün zu tun, die stellvertretend für das legendäre Masters steht. Nach jahrelangem Zaudern ist die edelste aller Golfveranstaltungen eingeknickt und hat ihr Heiligstes den Videospiel-Programmierern von EA Sports geöffnet. Welch ein großer Schritt das ist, zeigt sich bereits am Cover auf dem der Namensgeber der Serie von einer überdimensionalen Masters-Fahne klein in die Ecke verdrängt wurde. Natürlich haben auch dessen private und berufliche Probleme einen Anteil daran gehabt, doch das Masters wäre auch sonst die große Story gewesen. Entsprechend hat man das gesamte Spiel um dieses monumentale Ereignis herumgestrickt.

Das fängt bereits bei der Wahl der Sprecher an. Die nervige Kelly Tilghman vom Vorjahr wurde durch Jim Nantz ersetzt, der seit 1989 auf CBS die Stimme des Masters ist. Zusammen mit David Feherty kommentiert er den Weg des Spielers bis Augusta National. Zwar kann man mit dem Quick Play sofort mit einem der vorhandenen Golfer in Augusta starten (und machen wir uns nichts vor: jeder begeisterte Golfer wird dies als erstes tun), aber irgendwie fühlt man sich doch erst würdig dort aufzuteen wenn man im Karrieremodus den eigenen Golfer aufgebaut und sich die Einladung zum Masters „verdient“ hat. Der Karrieremodus (oder wie er hier offiziell heißt: Road to the Masters) ist auch einer der Punkte, die kräftig überarbeitet wurden. Nach einer kurzen Einleitung, die darin besteht dass man Loch 18 von Augusta National und ein Mini-Turnier erfolgreich absolviert, wird man auf die Amateur-Tour geworfen – das EA Sports-Äquivalent zu drittklassigen Touren wie die Hooters Tour oder die EPD Tour. Vier Turniere stehen dort an, trägt man einmal den Sieg davon oder landet man zweimal in den Top 10, gibt es eine Battlefield Promotion auf die Nationwide Tour. Ein recht simpel erreichbares Ziel, denn die Computergegner erzielen in den zu spielenden 18 Loch maximal 5 über (!) Par. Der Schnelldurchlauf hat aber auch seine Nachteile. Man gewinnt weniger Erfahrungspunkte, die zwingend notwendig sind um vor allem das Putten zu stärken. Zu leicht verwackelt man in der Anfangsphase sogar noch Tap-Ins – selbst mit dem normalen Controller. (über die Move-Steuerung des Spiels kann ich mir kein Urteil erlauben, da ich sie selber nicht nutze. Vom allgemein lesbaren Feedback her scheinen lange Schläge problemlos zu sein, das kurze Spiel soll einen aber ein wenig in den Wahnsinn treiben)

In der Nationwide Tour muss man schließlich erneut zwei Mal in den Top-10 landen um auf die große Tour zu kommen. Das Niveau in der zweiten Liga ist dabei deutlich stärker, hier begegnen einen sogar Golfer, deren Namen man schon mal gehört hat. Allen voran Jhonattan Vegas, der bei EA Sports bizarrerweise noch in der zweiten Liga angesiedelt ist. Der rasante Aufstieg des Venezolaners hat die Kalifornier wohl etwas überrascht. Interessant für den Karriere-Modus ist auch, dass man Erfahrungspunkte von einem eigenen Golfer der Vorjahres-Version importieren kann und dass es endlich die Möglichkeit gibt, kostenpflichtig heruntergeladene Zusatzkurse in den Karrieremodus zu integrieren. Zu den 16 im Spiel erhaltenen Plätze sind aktuell bereits 18 weitere als Zusatzkurse im Playstation Store verfügbar, darunter das Blue Monster von Doral, Pinehurst Nr. 2, Riviera oder Torrey Pines. 4 Euro kostet der Einzelkurs, darüber hinaus gibt es zwei Bundle-Pakete. Das 5er kostet 15 Euro und die anderen 13 (die meiner Meinung nach attraktiveren) sind für 25 Euro erhältlich. Wie genau die Integration aussieht, kann ich bisher allerdings noch nicht beurteilen – das Herunterladen mit WLAN dauert nun mal ein Weilchen.

Zurück zum Spiel und zum alles dominierenden Masters, dessen Par-3-Kurs übrigens ebenfalls als eigener Platz integriert wurde. Wie also spielt sich Augusta National genau, und wie realistisch wurden die Herausforderungen umgesetzt. Die Macher behaupten, sie hätten nicht nur den gesamten Platz mit der neuesten Lasertechnik vermessen, sie wollen sich auch mit dem Head-Greenkeeper zusammengesetzt haben, um eine möglichst realistische Ballphysik auf den Grüns zu liefern. Und das merkt man auch. Wenn man die Platzverhältnisse auf Tournament setzt, bekommt man die rasantesten Grüns, die es je in einem Videospiel zu putten gab. Da gibt es 5-Meter-Putts, die man nur antippt und die trotzdem noch 3 Meter übers Loch laufen. Da gibt es Ondulierungen die einem vorkommen wie die Eiger Nordwand. Und da gibt es kurz geschorene Flächen neben den Grüns, die jeden Fehlschlag sofort bestrafen – ganz wie wir es am kommenden Wochenende in der Live-Übertragung sehen werden. Aus diesem Grund ist der in diesem Jahr neu eingeführte Caddie auch überlebenswichtig.

Im Karriere-Modus stellt sich der Taschenträger anfangs zwar noch äußerst bräsig an und macht Schlagvorschläge, die nur Lebensmüde wagen würden (beispielsweise den Ball aus 200 Metern in der Teichschräge aufkommen lassen damit er von dort im 60 Grad Winkel nach rechts aufs Grün springt), aber die Erfahrung des Caddies wächst im Karrieremodus im gleichen Maße wie die Erfahrung des Spielers und die Vorschläge werden mit der Zeit vertrauenswürdiger. Allerdings hat der Caddie nicht verstanden, dass es außer vollen Schlägen und Pitches auch noch andere Dinge im Repertoire gibt. Denn wie in den Jahren zuvor sollte man wann immer es geht statt dem vorgeschlagenen 60% Wedge-Schlag (bei dem schon 5% Abweichung katastrophale Folgen haben), lieber den 100% Punch mit einem höheren Schläger wählen – die Fehlertoleranz ist einfach größer. Wo der Caddie allerdings immens hilft, ist auf den Grüns – besonders in Augusta National. Der Vorschlagskreis ist, was Länge und Richtung angeht, ein hervorragender Indikator und spart viele Schläge.

Am Wichtigsten für den besseren Score sind allerdings wie gehabt die Erfahrungspunkte, die man mit jedem Turnier sammelt und die für die diversen Aspekte des eigenen Spiels eingesetzt werden können. Wie in den Vorjahren gibt es auch noch Zusatzmöglichkeiten, diese Punkte zu sammeln. Bisher musste man dafür Herausforderungen der im Spiel vertretenen Profis meistern. Das ist in diesem Jahr anders. Vor jedem Turnier kann man ein Training bestreiten und sogenannte Sponsor Challenges bewältigen, die dann mit Punkten entlohnt werden. Eine andere Neuerung ist, dass man endlich nicht mehr darauf angewiesen ist 18 Loch am Stück zu spielen, sondern auch während einer Runde die Speichertaste betätigen kann. Doch wer will das schon, wenn man in Augusta National spielt?

Besonders weil die Grafik schlichtweg atemberaubend ist. Zwar sehen auch die anderen Plätze gut aus, die Entwicklung zu vorherigen Versionen ist dabei jedoch gering. Bei Augusta National haben die Entwickler allerdings noch mal eine Schippe drauf gepackt. Das Grün springt regelrecht aus dem Fernseher und der Detailreichtum ist für ein Golf-Videospiel bisher unerreicht. Faszinierend ist vor allem, dass man den Platz aus Perspektiven sieht, die einem als TV-Zuschauer (und selbst als Zuschauer vor Ort) verschlossen bleiben, beispielsweise einige Ecken von Amen Corner. Auch sieht man hier erstmals wie offen der Platz trotz der vielen Bäume ist, wodurch die vielen Zauberschläge, die man am Fernseher jährlich zu sehen bekommt ein wenig nachvollziehbarer werden. Apropos Zauberschläge: an einigen der Legendärsten, wie Gene Sarazens Albatross, Tiger Woods‘ Chip-In und Phil Mickelson Schlag aus den Bäumen der 13 vom letzten Jahr darf man sich selber versuchen. Allerdings sollte man dies nicht mit einem gerade frisch erstellten Golfer wagen. Mickelson brauchte für seinen Schlag ein Eisen 6, als frisch geschlüpfter Golfer muss man schon das Holz 3 zücken wodurch der Schlag vollkommen unlösbar wird.

Ein weiteres Stück Masters-Geschichte ist die Möglichkeit, das Ergebnis von Tiger Woods bei seinen vier Masters-Siegen nachzuvollziehen wobei der (einstige?) Poster-Boy der Videospiel-Franchise vorher in einem kurzen Interview-Statement ein paar interessante Informationen über die verschiedenen Turniere gibt. Es sind diese Dinge, die das Spiel für einen echten Golf-Fan zu einem absoluten Muss machen. Egal, wo man in Augusta National mit dem Bal liegt: Wer schon mal 1-2 Übertragungen aus Augusta gesehen hat, fühlt sich bei jedem Schlag an einen historischen Moment oder irgendeinen besonderen Schlag erinnert. Eben weil das Masters das einzige Major-Turnier ist, dass seit 1934 immer auf demselben Platz ausgetragen wird. Anders sieht es für den ganz normalen Videospieler ohne große Verbindung zum Masters aus. Zwar wird auch er begeistert von den edlen Masters-Menüs und der traumhaften Darstellung sein, letztendlich bleibt es für ihn aber auch nur irgendein weiterer Platz. Die historische Komponente – und damit auch ein Teil des Spielspaßes – wird ihm ein klein wenig verschlossen bleiben. Insofern ist auch die jährlich wiederkehrende Frage ob sich das Upgrade lohnt mehr als je zuvor vom golferischen Hintergrund des Spielers abhängig.

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