Rory McIlroy PGA Tour für die PS4 im Test

Rory McIlroy PGA Tour
Rory McIlroy PGA Tour

Nachdem Rory McIlroy das neue Gesicht von Nike geworden ist und die Spitze der Weltrangliste erobert hat, gab es nur noch eine Sache, um endgültig der komplette Nachfolger von Tiger Woods zu werden: er brauchte sein eigenes Videospiel. EA Sports tat ihm den Gefallen und machte aus Tiger Woods PGA Tour kurzerhand Rory McIlroy PGA Tour. Ganze zwei Jahre lang ließ man sich Zeit, um das Debüt des Nordiren für alle Videospieler unvergesslich zu machen. Die gesamte Technik wurde aufgebohrt und das Spiel fit für die neue Konsolen-Generationen gemacht. Zum ersten Mal griffen die Programmierer auf die Frostbite-Engine zurück, die bisher in erster Linie Rollenspielen und Ego-Shootern vorbehalten war. Nur eine Sache hat man bei dem ganzen Technik-Hype vergessen: ein gutes, unterhaltsames Spiel zu machen.

Dabei hatte der erste Trailer Hoffnung auf etwas einmaliges gemacht: Die Aufnahme eines Schlachtschiffs, das mitten in einen Golfplatz kracht, war schlicht sensationell. Das Problem: Es ist das einzige spektakuläre Feature auf einem einzigen Fantasy-Golfplatz und wenn man es einmal gesehen hat, wird es schnell langweilig. Die weiteren Fantasy-Kurse sind dann doch sehr traditionell. Coyote Falls führt zwar durch den Grand Canyon, aber Lighthouse Pointe und Wetlands könnten auch real sein. Doch die größte Enttäuschung sind die echten Golfplätze.

Nicht nur Augusta National fehlt

Eines der coolsten Features der Tiger-Woods-Serie war es, die vielen Traumplätze, die man aus dem Fernsehen oder Golfmagazinen kennt, auf der Konsole zu spielen. Besonders als man den Coup landete, Augusta National nachzubilden, haben alle videospielenden Golfer mit der Zunge geschnalzt. Doch die Lizenz ist abgelaufen und Rory McIlroy PGA Tour kommt ohne den Masters-Austragungsort aus. Gerade mal lächerliche acht echte Plätze haben es in das Spiel geschafft. Und auch wenn EA Sport angekündigt hat, zusätzliche Plätze als (möglicherweise kostenlose) Downloads anzubieten, ist dies absolut inakzeptabel. Zwei Jahre Entwicklungszeit und nur acht Plätze ist eine kolossale Enttäuschung. Wolf Creek, Royal Troon, TPC Boston, Whistling Straits, St. Andrews und TPC Sawgrass gab es auch für die letzte TW-Version und Bay Hill konnte man immerhin bei der 2011er-Ausgabe downloaden. Tatsächlich gibt es nur einen Platz in Rory McIlroy PGA Tour, den es noch nie zuvor in der Serie gegeben hat: Chambers Bay.

Dem begegnet man auch gleich in der obigen Intro-Sequenz, wo man in Person von Rory McIlroy die US Open gewinnen muss – im Duell mit…Trommelwirbel…Martin Kaymer. In den Tiger-Woods-Versionen tauchte der Deutsche nicht einmal auf dem Leaderboard aus. Dieses Mal ist er sogar als spielbare Figur vertreten. Allerdings gibt es ihn in der Intro-Sequenz immer nur im Hintergrund zu sehen. In dieser Hinsicht ist Rory McIlroy PGA Tour also sehr realistisch. Auf sieben Löchern steuert man Rory und lernt dabei das Spiel kennen. Anfangs zeigt das Spiel ganz genau was zu tun ist, dann werden immer mehr Hilfen weggenommen wodurch es nicht leicht ist, Rory zum Titel zu führen. Folgen für das Spiel hat eine Niederlage allerdings nicht.

Beeindruckende Grafikpower

Was positiv auffällt, ist natürlich die erstklassige Grafik. Zwar ist die Animation der durch die Landschaft laufenden Tiere (Füchse, Hirsche, Bären u.a.) nur ansatzweise realistisch. Die Spieler hat EA Sports allerdings brillant hinbekommen – allen voran Miguel Ángel Jiménez. Der Spanier ist mit seiner Fliegerbrille und dem roten Pferdeschwanz der Hingucker auf dem virtuellen Platz und wird sicher der absolute Liebling der meisten Gamer. Ebenfalls neu in Pixelform sind Jordan Spieth, Jason Dufner, Patrick Rodgers, Jonas Blixt und – danke EA Sports – Brandt Snedeker vertreten. Hinzu kommen Neuauflagen von Hunter Mahan, Keegan Bradley, Rickie Fowler, Ian Poulter und natürlich Rory. Sie alle sehen gut aus und sie alle freuen sich absurd euphorisch über Fairwaytreffer vom Tee – etwas, was schon in den früheren Ausgaben lächerlich wirkte.

Beeindruckend ist neben dem Look der Spieler und Plätze vor allem die Ladezeit. Wurde früher Loch für Loch erstellt, wird bei Rory McIlroy PGA Tour der gesamte Platz auf einmal geladen. Zwar gibt es zwischen den Löchern (und beim Erstellen des Green Grids) noch kurze Wartezeiten, aber das ist kein Vergleich zum letzten Spiel mit Coverboy Tiger. Ebenfalls neu ist das Kommentatorenteam. Golf-Fans werden den Verlust von Jim Nantz (wegen seiner beruhigenden Stimme) und David Feherty (wegen seiner Sprüche) vermissen. An ihre Stelle treten Rich Lerner und Frank Nobilo. Das wäre alles zu verschmerzen, wenn die Kommentarspur gut funktionieren würde. Aber schon nach wenigen Runden sind die Standard-Sprüche von Nobilo („This is a green light special“) nerviger als jeder Abend mit Carlo und Irek. Hinzu kommt, dass die Off-Kommentare oftmals überhaupt nicht zur Situation passen. Ein paar Beispiele:

  • Inside 10 feet, you have to make that“ (nachdem der Putt aus 50 Feet übers Loch gerollt ist)
  • On the safe side“ (nach einem Lip-Out)
  • after hitting it out of bounds“ (nachdem der Ball im Wasserhindernis gelandet ist)
  • he hit the Green in Regulation“ (nachdem man auf einem Par 4 mit dem dritten auf dem Grün ist)
  • Bogey here yesterday. Chance to better that today“ (beim Putt zum Doppelbogey)

Nun gut, der Feinschliff ist also noch nicht so gelungen. Doch wie sieht es mit dem Kern des Spiels aus? Dort gibt es Licht und Schatten. Die vielleicht beste Erfindung von Rory McIlroy PGA Tour sind die Quick Rounds im Karriere-Modus. Wie im echten Leben zieht sich auch im Videospiel eine Runde Golf mächtig hin. Mit vier Runden pro Turnier und ca. 15 Turnieren pro Saison geht da schon einiges an Zeit ins Land. Wer diese investieren will, kann das auch weiterhin. Für alle anderen ist der Quick Rounds Modus da. Hier wählt das Spiel pro Runde nur zwischen vier und neun Löcher aus, die man selber bestreitet. Der restliche Score wird dann anhand der gesammelten Attribute des eigenen Pros simuliert (was in den meisten Fällen auf Even Par für die restlichen Löcher hinausläuft). Dies macht es allerdings am Anfang deutlich schwieriger, das Feld in Grund und Boden zu spielen.

Neben dem Karrieremodus gibt es die Möglichkeit, eine schnelle Runde zu spielen, bei Online-Turnieren mitzumachen, (wenn man eine Playstation-Plus-Mitgliedschaft besitzt) Head-to-Head-Duelle online zu spielen, und schließlich die nagelneue Nightclub Challenge. Sie besteht aus diversen kleinen Spielchen bei denen man – Handyspiele lassen grüßen – bis zu drei Sterne sammeln kann. Darin muss man u.a. die Bälle in vorgegebene Ziele befördern oder durch Ringe fliegen lassen und kann dafür Zusatz-Boosts einsetzen. Für Nichtgolfer und zum Zeitvertreib sicherlich eine nette Spielerei. Aber als echter Golfer will man natürlich nur eins: die Profis der PGA Tour in Grund und Boden spielen. Und das geht nun mal am Besten im Karriere-Modus.

Abgespeckter Karriere-Modus in Rory McIlroy PGA Tour

Dafür müssen wir natürlich als erstes unseren Spieler erstellen. Wer andere Spiele von EA Sports kennt, weiß, wie gut die Player Generator sind. Man kann nahezu jedes Detail des Gesichts variieren, teilweise eigene Fotos einscannen und so ein halbwegs realistisches Abbild seiner selbst erzeugen. Das alles geht hier nicht. Denn der Player Generator bei Rory McIlroy PGA Tour lässt sich bestenfalls als rudimentär bezeichnen. Einen Golfer zu erstellen, der einem auch nur ansatzweise ähnelt, erzeugt nur Frust und ist schlicht unmöglich. Anschließend kann dann einer von drei Werdegängen gewählt werden: Wunderkind, College-Spieler oder Teaching Pro. Toll, denkt man: ich kann mich auf verschiedenen Wegen hoch spielen. Weit gefehlt. Die Auswahl dient dem Spiel lediglich dazu, auszuwählen, welche Kommentare Lerner und Nobilo während der Runde von sich geben. Das Spiel selber läuft immer gleich ab: Man kommt auf die web.com Tour Championship in TPC Sawgrass, spielt dort ein paar Löcher und holt sich damit die Tourkarte.

Auf der Tour angekommen, spielt man sich durch den FedExCup. Einen Kalender gibt es dabei anscheinend nicht mehr, so dass man ziemlich auf verlorenem Posten steht, wie weit man in der Saison ist. Orientierung verschaffen lediglich die Players Championship und die drei Majors (das Masters fehlt wie gesagt), die ihre übliche Platzierung im Kalender haben. Auch die Statistik-Sektion ist unter aller Kanone: um den eigenen Spieler zu finden, muss man sich durch die 200 Platzierungen scrollen – eine Hervorhebung findet nicht statt. Da die Lizenz des Spiels nur für die PGA Tour gilt, suchen unsere österreichischen Freunde übrigens auch reine European-Tour-Spieler wie Bernd Wiesberger vergeblich in den Statistiken und auf dem Leaderboard, aber das liegt nun mal in der Natur der Dinge.

Mit jeder Runde und jedem Turnier steigt der Erfahrungslevel des Golfers. Resultat sind besseres Equipment, neue Klamotten und alle 25 Levels ein Zusatzboost mit dem man eine Facette seines Spiels besonders verbessern kann (zu empfehlen ist wie immer möglichst die Länge hochzuschrauben). Andere Ziele gibt es im Spiel nicht. Preisgelder existieren nicht und auch die Weltrangliste als motivierender Faktor ist im Vergleich zu Tiger Woods PGA Tour 14 weggefallen. Alles, worum man in Rory McIlroy PGA Tour spielt, sind Punkte für den FedEx-Cup. Nicht einmal Pokale gibt es für einen Sieg. Und am Ende der Playoffs erscheint schließlich eine sexy Texttafel, die verkündet: „Season complete. You will now progress to the next season“. Spätestens an dieser Stelle möchte man sagen „Game over. I will now progress to next years game“.

Denn so cool das Spiel auch aussieht und so schön es auch ist, dass man durch eine inviduelle Anpassung der Steuerung sowie dem Nutzen der Quick Rounds den Schwierigkeitsgrad so gestalten kann, dass man nicht ständig Runden unter 60 spielt: der Langzeitspaß bleibt bei Rory McIlroy PGA Tour auf der Strecke. Klar sind die ersten Spiele für eine neue Konsolengeneration immer mit Problemen behaftet, weil die Programmierer noch mal ganz von vorne anfangen müssen. Die Verfeinerungen und Verbesserungen kommen dann in späteren Ausgaben. Nur leider hat man den Eindruck, dass man trotz der langen Entwicklungszeit hier ein Spiel vorschnell auf den Markt geworfen hat.

Dies sieht man nicht nur an den wenigen Plätzen und den Versprechungen nachzuliefern, sondern vor allem an den vielen Fehlern, die jedem Betatester sofort hätten auffallen müssen: Wenn man bsw. „das EA Charity Invitational“ gespielt hat und anschließend eine Texttafel behauptet „FedexCup Playoffs begin this week with the EA Charity International“ obwohl ein anderes Turnier der Auftakt ist. Wenn die Kommentare ständig nicht zum Spielgeschehen passen. Und wenn die Spielmöglichkeiten im freien Modus nur noch auf Zählspiel oder Lochspiel beschränkt sind, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein weiteres Jahr Pause besser gewesen wäre. Denn auch wenn die Grafik von Tiger Woods PGA Tour 14 im Vergleich zu Rory McIlroy PGA Tour antiquiert aussieht, sehnt man sich doch immer wieder danach zurück. Dort gab es einen vernünftigen Karriere-Modus. Und dort gab es Augusta National und viele weitere geniale Plätze. Solange EA Sports dieses nicht wirklich nachliefert, fällt es schwer, das Spiel uneingeschränkt zu empfehlen.

Disclaimer: Mir wurde von EA Sports ein Spiel zum Test überlassen

1 Comment

  • Markus sagt:

    Hallo,
    ich spiele Rory McIlroy auf der XBOX One und bin ebenfalls maßlos enttäuscht. Die Grafik und Spielfluss sind völlig OK, aber dem Spiel fehlt es an Charme. Gerade im Head2Head Modus (online), bei dem wir (online-Freunde) bei früheren Version gerne Abende vor dem TV verbracht haben, entspannt Musik hörten und jeden beim Spiel beobachten konnten fehlt völlig. Jetzt spiele ich diesen Modus nahezu alleine, sehe meinen Flightpartner nur teilweise und der Sound scheint defekt zu sein. Das Spiel wirkt wie mit der heissen Nadel gestrickt – und das nach 2 Jahren Entwicklungszeit. Für mich eine echte Entäuschung. Fazit: „Durchspielen“ und verkaufen. Kein Langzeitspass :-( sehr schade!

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