The Golf Club für Playstation 4

The Golf Club
The Golf Club

Monopole sind immer ein Problem – ganz besonders bei Sportspielen. Der Grund, warum sich Spiele wie FIFA in Quantensprüngen weiterentwickeln, sind Konkurrenten wie Pro Evolution Soccer, die sich gegenseitig dazu zwingen, immer besser zu werden, weil man sonst überholt wird. Ist ein Hersteller jedoch alleine auf dem Markt, gibt er sich oft mit Window Dressing zufrieden. Die Tiger Woods Rory McIlroy PGA Tour Serie fällt in die zweite Kategorie. Ja, es tauchten immer mal wieder Golfspiele auf, aber das war ungefähr so, als würde sich eine Makrele mit einem Weißen Hai anlegen. Alleine schon deshalb ist „The Golf Club“ eine willkommene Veröffentlichung.

Dass es diese neue Konkurrenz gibt, hat sich EA Sports selbst zuzuschreiben. Denn der Hersteller, HB Studios, hatte zuvor im Auftrag des Sportspiel-Imperiums gearbeitet. Doch als man dort eine einjährige Veröffentlichungspause für die PGA Tour Reihe einlegte, schickten sich die Kanadier an, ein eigenes Spiel zu entwickeln. Bereits im Februar 2014 wurde eine Beta-Version via Steam veröffentlicht, ein halbes Jahr später kam das Spiel für PCs, die X-Box One und die Playstation 4 heraus – zumindest in den USA. In Deutschland musste man sich ein weiteres Jahr begnügen. Allerdings hat die Wartezeit einen großen Vorteil: die Verfügbarkeit von Golfplätzen ist großartig.

Der Grund dafür liegt in einem Gimmick, der „The Golf Club“ auf dem Konsolenmarkt einzigartig macht: der Platzdesigner. Es ist ein Feature zu dem ich eine besondere Affinität besitze. Als ich vor mittlerweile 25 Jahren meinen ersten PC zu Weihnachten bekam, war auf einer 5,25“ Floppydisc (Erklärungslink für Millenials) auch ein Golfspiel dabei. Den Namen weiß ich nicht mehr, ebensowenig erinnere ich mich daran, wie es sich spielte. Aber unvergessen bleibt mir der Course Designer, bei dem man neben Wassern, Bäumen und Bunkern auch Dinosaurier (!) platzieren konnte. Bei einem meiner ersten, ganz cleveren Architekturjobs platzierte ich von links unten bis rechts oben eine komplette Dino-Diagonale, die das Design so unspielbar machte, dass die USGA sich die Hände gerieben hätte.

So etwas findet sich hier natürlich nicht, denn der Greg Norman Course Designer ist Realität pur. So real, dass Norman bereits 2014 verkündete seine Designideen für echte Golfplätze mithilfe des Programms für Kunden zu visualisieren bevor er mit dem Bau beginnt. Wie gut der Designer funktioniert, wenn man sich intensiv hineinfuchst, beweist die Bibliothek an frei verfügbaren Kursen, wo sich beispielsweise unter dem Namen Magnolia National (aus Lizenzrechtlichen Gründen muss ein anderer Name benutzt werden) ein exquisiter Nachbau von Augusta National findet. Oder besser gesagt vier – mit den jeweiligen Pin Positions für die verschiedenen Turniertage.

Wer allerdings mit der Erwartung herangeht, sofort seinen eigenen Heimatkurs nachzubauen, dürfte allerdings enttäuscht werden. Es ist nicht ganz leicht, sich in die Details des Course Designers einzuarbeiten – besonders mit einem nicht unbedingt als Präzisionsinstrument zu bezeichnenden Gamepad. Aber wer nur schnell mal einen Kurs bauen will, kann auch einfach die Automatik zur Hilfe nehmen. Einfach ein paar Fixpunkte setzen (Themenwelt, Schwierigkeit, prozentuale Verteilung einiger Elemente) und schon zaubert die Konsole einen Golfplatz in die Welt, der sich auch sofort ausprobieren lässt.

Der hohe Schwierigkeitsgrad ist auch ein Stichpunkt für das tatsächliche Spiel. Denn „The Golf Club“ ist vielleicht nicht so schwierig, wie einen echten Golfschläger zu schwingen, aber im Halbschlaf wie bei Konkurrent EA Sports lässt es sich auch nicht spielen. Das lange Spiel geht noch halbwegs simpel – wobei der Controller hier bei der Dosierung nicht nur realisiert, wie weit man den Rückschwung macht, sondern auch, wie schnell der Stick nach vorne bewegt wird. Dieser Kniff wird dann insbesondere um und auf dem Grün zu einem Problem. Bei Konkurrent EA Sports passte sich die maximale Puttlänge immer der Entfernung des Lochs an – man hatte also quasi auch auf dem Grün verschiedene Schläger für verschiedene Entfernungen. Hier hingegen muss man jeden Putt komplett individuell dosieren, so dass es gerade zu Beginn ein Leichtes ist, den Ball vom Grün zu putten. Entsprechend kann man hier nicht sofort mal eben die Plätze mit einer 55 auseinandernehmen, was den langfristigen Spielspaß erheblich fördert.

Der einzige Punkt, wo das Spiel extreme Defizite hat, ist die Präsentation. Dabei geht es gar nicht darum, dass dem Indielabel verständlicherweise aus finanziellen Gründen die Lizenzrechte an Spielernamen fehlen. Dieser Faktor wird für mein Empfinden oft überschätzt. Und auch die Grafik gibt ein erstaunlich gutes Bild ab. Nein, das Problem geht auf die Ohren. So wiederkehrend und teilweise unpassend die Kommentare in Rory McIlroy PGA Tour auch sind: hier vermisst man die Dialoge. Der einzige Off-Kommentator spricht selten und klingt dabei relativ gelangweilt. Und auch die Musik und die Soundeffekte reißen einen nicht gerade aus dem Sessel.

Doch das alles ist ein zu vernachlässigender Kritikpunkt. Wenn man bedenkt, wie schwach Rory McIlroy PGA Tour auf der Platzseite ausgestattet war und wie viel Geld in den vergangenen Jahren für zusätzliche Plätze verlangt wurde, ist es erfrischend, was für eine große Auswahl an hochwertigen Plätzen es hier gibt. Vielleicht kann man die Unterschiede so erklären: Rory McIlroy PGA Tour ist wie eine exzellente Golf-Übertragung im Fernsehen. The Golf Club ist dagegen mehr wie eine Runde Golf, die man selber spielt.


Disclaimer:
Mir wurde von Koch Media ein Spiel zum Test überlassen

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