Tom Watson und die Open Championship

„Carnoustie war immer stolz darauf, dass nur große Champions hier gewinnen können. Die drei vorherigen Gewinner hießen Cotton, Hogan und Player. Watson hingegen ist nicht in dieser Klasse“, kommentierte ein Golfjournalist 1975 den Sieg von Tom Watson. Heute, 36 Jahre und vier Open-Siege später, wirkt dieser Kommentar unfreiwillig komisch. Damals jedoch war noch nicht abzusehen, dass Watson einmal ein ernsthafter Kandidat auf den Titel bester amerikanischer Linksgolfer aller Zeiten werden sollte. Bis zu seinem Playoff-Sieg gegen den Australier Jack Newton hatte sich der 25-Jährige den Ruf eines Nervenbündels erworben und zwei Mal nacheinander den sicher geglaubten Sieg bei der U.S. Open verschenkt.

Doch das war nicht einmal das Überraschendste an Watsons Sieg. Wie Ben Hogan und Tony Lema gewann er den Claret Jug bei seinem allerersten Versuch. Weder Großbritannien noch Linksgolf hatte er bis dahin kennengelernt, und die Mission Major-Sieg begann denkbar schlecht. Am Sonntag vor dem Turnier wollte er eine Proberunde in Carnoustie spielen und wurde zurückgewiesen – nur Spieler, die über die Qualifikation ins Feld gerutscht waren durften trainieren. „Es ist extrem nervig“, sagte der frustrierte Watson Reportern. „Ich habe noch nie die British Open gespielt und brauche logischerweise jede Übung, die ich bekommen kann. Man hätte uns darüber informieren sollen bevor wir nach Carnoustie gekommen sind damit wir andere Vorbereitungen treffen können.“

Watson sollte nur noch einmal in dieser Woche, in der sich Carnoustie von seiner harmlosen Seite zeigte, die Contenance verlieren. „Lass den Quatsch“ herrschte er am dritten Loch seines 18-Loch-Playoffs einen Kameramann an, der ihn im Rückschwung irritiert und einen Fehlschlag ins Rough verursacht hatte. Als er 15 Loch später den Claret Jug in Empfang nahm, nutzte er jedoch sofort die Gelegenheit zur Buße: „Ich möchte mich beim Kameramann am dritten Loch entschuldigen: Ich war kurzzeitig verärgert.“ Doch eine große Liebesbeziehung zwischen Tom Watson und Großbritannien war damit noch nicht entstanden.

Wie so viele Amerikaner nach ihm fand er, dass Linksgolf zu sehr den Faktor Glück ins Spiel bringt und entwickelte eine Aversion, die selbst sein erster Major-Sieg nicht abmindern konnte. Eine Entwicklung, die er auf seinen ersten Golfschlag auf einen Linksplatz zurückführte. Bei einer Proberunde für die 1975er Open im Panmure Golf Club landete er seinen Abschlag perfekt im Fairway. Doch als er zu der Stelle kam, wo er seinen Ball vermutete, war nichts zu finden. Stattdessen fand er ihn etwa 30 Meter von seiner Spiellinie entfernt in einem Bunker wieder. Erst vier Jahre später lernte er laut eigener Aussage mit so etwas umzugehen: „Ich suchte zu sehr nach Entschuldigungen. Wenn man etwas nicht mag, wird man auch nicht sonderlich gut spielen. Man muss lernen, mit den Sprüngen zu leben. Gib nicht dem Golfplatz die Schuld, gib Dir selber die Schuld.“ Als er dies realisiert hatte, wurde er zu einem der dominantesten Linksgolfer aller Zeiten.

Innerhalb von neun Jahren gewann Tom Watson fünf Open Championships – nur der große Harry Vardon konnte einmal öfter triumphieren. Als Watson 1983 siegreich das 18. Grün von Royal Birkdale verließ, erwartete ihn ein Telegramm des Australiers Peter Thomson, der Watson mitteilte, er sei „erfreut und begeistert ihn im Fünfer-Club zu begrüßen.“ Damals war Watson 34 Jahre jung und machte sich berechtigte Hoffnungen, auch noch Vardon einzuholen oder gar hinter sich zu lassen. Doch es sollte nicht sein. 1984 verlor er in der Schlussrunde seine Führung an Severiano Ballesteros. 1987 verspielte er mit einer 74 eine Außenseiterchance auf den Sieg, und auch 1989 konnte er eine gute Ausgangslage nicht nutzen. Danach kam er vorerst nie wieder in diese Situation. Das Alter und sein Tribut machte auch vor Tom Watson nicht halt.

Im Dezember 2002 deutete er in einem Interview sogar einen möglichen Abschied von der Open an: „Ich hatte in den letzten Jahren nicht sonderlich viel Erfolg bei der British Open und es hat mich dazu gebracht, zu überlegen, dass ich diese Plätze nicht mehr so gut beherrsche wie ich sollte“. Als ein Mitglied der alten Garde, der nicht aus Spaß an der Freude spielt sondern auch eine realistische Chance haben will, stand ein Abschied von der Open durchaus zur Diskussion. Doch wenige Monate später gab ein 18. Platz im diesjährigen Austragungsort Royal St. George’s Tom Watson noch einmal neue Energie.

Die beste Chance auf einen weiteren Erfolg hätte er vielleicht 2007 an der Stätte seines ersten Triumphes gehabt, doch Watson ließ die Open in Carnoustie ausfallen um der Hochzeit seiner Tochter beizuwohnen – erst das dritte Mal seit 1975, dass er nicht antrat: 1996 und 2004 setzten ihn Schulterverletzungen außer Gefecht. Doch dann kam das Jahr 2009 und eine Open Championship über die wohl noch in Jahrzehnten andächtig geredet wird. Der 59-Jährige Tom Watson war plötzlich in einen Jungbrunnen gefallen und tauchte an der Spitze des Leaderboards auf. Allerdings war es kein Wunder, das ihn so stark machte sondern die Medizin. Neun Monate zuvor hatte er vor lauter Schmerzen kaum Golf spielen können und beschlossen, sich eine künstliche Hüfte einsetzen zu lassen. Plötzlich konnte er wieder befreit schwingen und setzte zum großen Wurf an. Doch ein unglücklicher, harter Bounce auf dem 72. Grün zerstörte den Traum vom Sieg – nicht nur seinen eigenen, sondern den von Millionen Golf-Fans. „Hey, das ist keine Beerdigung“, tröstete Watson die versammelten Journalisten, denen nicht nur wegen der verpassten Schlagzeile kaum zum Lachen zu Mute war.

Schließlich schien es die letzte Chance für Watson gewesen zu sein. Mit dem 60. Geburtsag lief seine automatische Spielberechtigung aus, doch die R&A hatte im November 2009 ein Einsehen und verlängerte mit einem Trick seine Exemption bis ins Jahr 2014 (alle ehemaligen Champions, die in den Top 10 landeten sind nun weitere fünf Jahre spielberechtigt). Wie Recht sie damit hatten, bewies Watson erneut dieses Jahr. Obwohl er in der dritten Runde zu den Spielern gehörte, die es mit den Wetterbedingungen am schlimmsten traf, beendete er die Open Championship – seine 34. – auf dem 22. Platz. Und immer noch bleiben ihm mindestens drei Jahre um vielleicht doch noch das Wunder eines sechsten Sieges zu schaffen: 2012 in Royal Lytham & St. Anne’s, 2013 in Muirfield und 2014 in Royal Liverpool. Unglücklicherweise sind dies – mit Ausnahme von Muirfield – jedoch nicht die Plätze auf denen Watson seine größten Erfolge feiern konnte, wie die unten stehende Statistik zeigt. Es wäre zu schön gewesen, wenn die R&A noch einmal Royal Troon oder Turnberry auf die Agenda gesetzt hätte.

Royal Troon (Par 71) R1 R2 R3 R4 Platz
1982 69 71 74 70 1
1989 69 68 68 72 4
1997 71 70 70 71 10
Avg. 72,8 Avg. 5


Turnberry (Par 70) R1 R2 R3 R4 Platz
1977 68 70 65 65 1
1986 77 71 77 71 35
1994 68 65 69 74 11
2009 65 70 71 72 2
Avg. 69,9 Avg. 12


Carnoustie (Par 72) R1 R2 R3 R4 Platz
1975 71 67 69 72 1.
1999 82 73 MC MC MC
Avg. 72,33 Avg. 36


Royal St. George’s (Par 70) R1 R2 R3 R4 Platz
1981 73 69 75 73 23
1985 72 73 72 77 47
1993 71 73 MC MC MC
2003 71 77 73 69 18
2011 72 70 72 72 22
Avg. 72,1 Avg. 36


Muirfield (Par 71) R1 R2 R3 R4 Platz
1980 68 70 64 69 1
1987 69 69 71 74 7
1992 73 75 MC MC MC
2001 77 78 MC MC MC
Avg. 71,4 Avg. 38


St. Andrews (Par 72) R1 R2 R3 R4 Platz
1978 73 68 70 76 14
1984 71 68 66 73 2
1990 72 73 MC MC MC
1995 67 76 70 70 31
2000 73 71 72 73 55
2005 75 70 70 72 41
2010 73 75 MC MC MC
Avg. 71,5 Avg. 41


Royal Lytham & St. Annes (Par 71) R1 R2 R3 R4 Platz
1979 72 68 76 81 26
1988 74 72 72 72 28
2001 74 78 MC MC MC
Avg. 73,9 Avg. 42


Royal Liverpool (Par 72) R1 R2 R3 R4 Platz
2006 72 70 75 71 48
Avg. 72 Avg. 48


Royal Birkdale (Par 72) R1 R2 R3 R4 Platz
1976 75 72 80 MC MC
1983 67 68 70 70 1.
1991 69 72 72 69 26
1998 73 76 MC MC MC
2008 74 76 MC MC MC
Avg. 72,2 Avg. 48


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