Vorschläge zur Erneuerung der Weltrangliste: Teil 1 – Der Zeitraum

Bis vor zwei Jahren hat das Official World Golf Ranking niemanden interessiert. Schließlich wusste auch jeder ohne die Hilfe einer Liste, wer der beste Golfer der Welt ist. Doch dann küsste Tiger Woods einen Hydranten und alles wurde anders. Zuerst fiel negativ auf, wie lange sich Woods an der Spitze bzw. in den Top Ten halten konnte obwohl er über ein Jahr lang nur noch Mist spielte. Dann löste Lee Westwood ihn mit Hilfe von Siegen bei Pipifax-Turnieren ab obwohl sich alle einig waren, dass zu der Zeit Martin Kaymer besser war. Als der dann endlich als zweiter Deutscher die Führung übernahm, spielte er ebenfalls nicht mehr wie der beste Golfer der Welt.

Mittlerweile haben wir mit Luke Donald zwar wieder eine unumstrittene Nr.1, aber die Diskussionen über die Mechanismen der Golf-Weltrangliste gehen weiter. Zuletzt, als Tiger Woods nach seinem Sieg beim Chevron-Monatsknopf wieder einen Satz um 30 Plätze nach vorne machte. Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass es doch völlig egal ist, wen eine komplizierte Rechenformel als Nr. 1, 2 oder 3 der Welt auswirft. Das ist schon richtig. Aber es ist nicht egal, wen diese Rechenformel als Nr. 49, 50 und 51 der Welt auswirft. Denn davon abhängig sind die garantierten Startplätze bei Major-Turnieren und den hoch dotierten World Golf Championships, die bsw. Gary Woodland verfehlte obwohl er aktuell eindeutig besser ist als viele der vor ihm platzierten Spieler. Aufgrund dieser hohen Bedeutung der Weltrangliste sollte sie schon ein funktionierendes System sein. Leider ist sie dies nicht. In den kommenden Tagen werde ich versuchen einige Probleme der Weltrangliste aufzulisten, Änderungsvorschläge zu machen und an konkreten Beispielen die Folgen aufzuzeigen. Ausgangslage meiner Berechnungen waren die Top 50 sowie einige ausgewählte Spieler der letzten Weltrangliste für 2011.

Die am Häufigsten geäußerte Kritik an der Weltrangliste ist, dass sie ein zu starres System sei. Da die Ergebnisse der letzten zwei Jahre in die Berechnung eingehen, können sich Spieler nach einem sehr guten Jahr auch einen völligen Totalausfall leisten ohne schwer bestraft zu werden (1986, als die Weltrangliste begann, flossen sogar drei Jahre ein). Verteidiger des derzeitigen Systems werden natürlich anmerken, dass es Golfern hilft, die lange Verletzungspausen haben. Doch man darf nicht vergessen, dasss dies alleine schon dadurch abgefedert wird, dass Turniere aus der Wertung fallen und der Divisor sich verringert. Zudem sind sie aufgrund der Medical Extensions der Touren etwas abgesichert.

Rechnen wir doch einfach mal durch wie die Weltrangliste aussähe, wenn man sie wie vielfach gefordert nur über 52 Wochen berechnet. Dabei habe ich sowohl die Zahl der Minimal- (20) als auch der Maximaldivisoren (27) halbiert, aber beibehalten, dass Turnierergebnisse die ersten 13 Wochen voll in die Wertung eingehen und sich die restlichen 39 Wochen dann gleichmäßig bis auf 0 reduzieren. Folgendermaßen sähe die Weltrangliste damit aus:

Jahreswertung OWGR
1. Luke Donald 12.33 (-) 10.03
2. Rory McIlroy 10.64 (+1) 7.77
3. Lee Westwood 8.11 (-1) 8.06
4. Webb Simpson 7.88 (+6) 5.03
5. Adam Scott 7.62 (-) 5.50
6. Martin Kaymer 6.34 (-2) 6.55
7. Jason Day 6.21 (+1) 5.07
8. Charl Schwartzel 5.90 (+1) 5.06
9. Sergio Garcia 5.71 (+8) 3.87
10. Dustin Johnson 5.71 (-3) 5.27
11. Steve Stricker 5.53 (-5) 5.33
12. K.J. Choi 5.30 (+3) 4.31
13. Nick Watney 5.19 (-1) 4.69
14. Keegan Bradley 5.05 (+17) 3.26
15. Simon Dyson 4.87 (+13) 3.38
16. Gonzalo Fernandez-Castano 4.68 (+33) 2.73
17. Matt Kuchar 4.64 (-6) 4.71
18. Justin Rose 4.60 (-) 3.84
19. Thomas Björn 4.59 (+16) 3.16
20. Bae Sang-Moon 4.44 (+10) 3.28
21. Jason Dufner 4.42 (+12) 3.21
22. Fredrik Jacobson 4.36 (+17) 3.08
23. David Toms 4.34 (+3) 3.50
24. John Senden 4.30 (+19) 2.91
25. Alvaro Quiros 4.21 (-3) 3.68
26. Bill Haas 4.21 (+1) 3.43
27. Bo Van Pelt 4.16 (+2) 3.37
28. Phil Mickelson 4.14 (-14) 4.47
29. Rickie Fowler 4.02 (+3) 3.24
30. Hunter Mahan 3.96 (-11) 3.76
31. Brandt Snedeker 3.91 (+7) 3.09
32. Kim Kyung-Tae 3.84 (-7) 3.52
33. Tiger Woods 3.83 (-10) 3.59
34. Anders Hansen 3.78 (-) 3.17
35. Darren Clarke 3.73 (+13) 2.74
36. Ian Poulter 3.69 (-20) 3.88
37. Robert Karlsson 3.64 (-13) 3.55
38. Greg Chalmers 3.56 (+22) 2.22
39. Zach Johnson 3.49 (-1) 3.09
40. Graeme McDowell 3.41 (-27) 4.55
41. Aaron Baddeley 3.38 (+2) 2.97
42. Y.E. Yang 3.35 (+3) 2.84
43. Peter Hanson 3.31 (-2) 3.06
44. Geoff Ogilvy 3.30 (-8) 3.13
45. Paul Casey 3.17 (-25) 3.73
46. Louis Oosthuizen 3.09 (-6) 3.07
47. Gary Woodland 3.07 (+3) 2.71
48. Ryo Ishikawa 2.98 (+3) 2.71
49. Bubba Watson 2.94 (-28) 3.69
50. Joost Luiten 2.93 (+14) 2.12

Aus den Top 50 der Welt würden bei einer einjährigen Wertung demnach diese Spieler rausfallen:

  • Francesco Molinari
  • Miguel Angel Jimenez
  • Martin Laird
  • Jim Furyk

Der Wechsel auf ein einjähriges System alleine ist sicher nicht perfekt. Beispielsweise würden jede Woche aufgrund der geringeren Divisoren vermehrt Sprünge von 10-20 Plätzen innerhalb der Top 50 auftreten. Und wer ein Major gewinnt würde – egal von wo er kommt – mindestens in die Top 30 der Welt vorspringen. Die Frage ist, ob dies schlimm wäre? Ich denke nicht. Aktuell ist eine Kritik, dass Major-Turniere in der Weltrangliste untergewichtet sind, was sich damit ändern würde. Und sollte ein Major-Sieger nicht auch automatisch so hoch gerankt sein? Zumal er durch seinen Sieg ohnehin sämtliche Exemptions bekommt. Aktuell bringt ein Major-Sieg einen Spieler garantiert „nur“ bis auf etwa Platz 65. Etwas niedrig, oder?
Viel spannender ist jedoch, was mit Spielern nach ihren Majorsiegen geschieht. Aktuell könnte ein Majorsieger vorher und nachher 20 Cuts in Folge verpassen und wäre ein Jahr später immer noch in den Top 125 der Welt. Bei einem einjährigen System müsste er diese Leistung irgendwie noch mal bestätigen, ansonsten grüßt er von jenseits der 500. Für mein Empfinden eine Verbesserung zum derzeitigen System, da es die Bestätigung von Erfolgen fördert.

Aber bleiben wir einmal bei konkreten Beispielen. Die größten Unterschiede zwischen der Jahresliste und der Zweijahresliste wären aktuell folgende:

Verbesserungen Verschlechterungen
Webb Simpson von 10 auf 4 Steve Stricker von 6 auf 11
Sergio Garcia von 17 auf 9 Matt Kuchar von 11 auf 17
Keegan Bradley von 31 auf 14 Phil Mickelson von 14 auf 28
Thomas Björn von 35 auf 19 Hunter Mahan von 19 auf 30
Simon Dyson von 28 auf 15 Ian Poulter von 16 auf 36
Jason Dufner von 33 auf 21 Tiger Woods von 23 auf 33
Fredrik Jacobson von 39 auf 22 Graeme McDowell von 13 auf 40
Darren Clarke von 48 auf 35 Robert Karlsson von 24 auf 37
G. Fernandez-Castano von 49 auf 16 Paul Casey von 20 auf 45
Greg Chalmers von 60 auf 38 Bubba Watson von 21 auf 49

Schaut man sich diese Veränderungen an, werden zwei Dinge auffällig. Die größten Profiteure einer Verkürzung des Auswertungsfenster sind Major-Sieger und Spieler, die in den letzten Wochen große Erfolge feierten. Lässt man das Jahr 2011 vor seinem geistigen Auge Revue passieren, dürfte man bei 80% dieser Veränderungen zustimmend nicken. Paul Casey, Graeme McDowell und Jim Furyk hatten ein grauenhaftes Jahr, das ihre aktuelle Weltranglistenposition nicht reflektiert und gehören objektiv gesehen dahin wo die Jahresliste sie hinsetzen würde. Auch die großen Namen wie Tiger Woods und Phil Mickelson sind hier realistischer wiedergegeben. Einzig der Absturz von Bubba Watson – der 2011 immerhin zwei Turniere gewann – wirkt auf den ersten Blick überzogen. Doch schaut man sich dessen Ergebnisse genauer an, hat er in den letzten acht Monaten nur ein echtes Top-10-Ergebnis eingefahren. Vielleicht gehört er derzeit also tatsächlich eher um Platz 50 eingestuft.

Was die Verbesserungen angeht, wäre Webb Simpson derzeit durchaus eine würdige Nr. 4 der Welt und Sergio Garcia spielte zuletzt wirklich wie jemand aus den Top 10. Die größte Kritik an einem Einjahres-System würde vermutlich durch die Einstufung von Gonzalo Fernandez Castano in den Top 20 entstehen, die – man glaubt es kaum – sogar noch unterbewertet ist. Aufgrund Verletzungproblemen konnte der Spanier 2011 nur 15 Turniere Spielen, wird aber mit einem Divisor von 20 gewertet. Nähme man seinen tatsächlichen Durchschnittswert wäre er die Nummer 7 der Weltrangliste – natürlich eine völlig absurde Einstufung. Aber dies ist das Dilemma, das man bei der Weltrangliste in Kauf nehmen muss: Will ich verhindern, dass aktuell gutes Spiel schnell reflektiert wird oder will ich dafür sorgen, dass schlechtes Spiel schnell bestraft wird. Beides kann man nicht haben. Aber vor die Alternative gestellt scheint die Belohnung für ein gutes Spiel deutlich fairer zu sein als der aktuelle Protektionismus der Top 50 – und würde darüber hinaus häufigere Starts der Spieler fördern.

Dennoch würde eine Verringerung des Berechnungszeitraums nur einen Bruchteil der Probleme lösen. Dass ein Spieler wie Greg Chalmers in diesem Beispiel in die Top 50 hochgeschossen ist und Sang-Moon Bae noch besser platziert ist, offenbart ein weiteres Dilemma der derzeitigen Rechenformel. Dies wird ebenso wie der große Satz eines Tiger Woods durch seinen Sieg bei der Chevron Challenge in den nächsten Abschnitten thematisiert.

3 Comments

  • TeeJay21 sagt:

    Finde deinen Ansatz richtig. Deine Top Ten entsprechen so Ziemlich mein Aktuelles „Bauchgefühl“ über die Besten Zehn momentan.
    Dass Lefty und Woods dann auch auf deiner Liste so „nah“ zusammen sind fand ich amüsant.
    Wünsche Dir das Allerbeste für 2012
    Tom

  • Sense sagt:

    Froher Neues.

    Also 1 Jahr für die Berechnung finde ich etwas zu heftig. 2 Jahre sind dagegen vieleicht etwas zu lang. Aber der Zweitraum der Berechnungen ist meiner Meinung nach nicht wirklich das Problem. Viel eher sind einige Turniere etwas zu hoch Bewertet. Vor allem die „Spaßtuniere“ und Turniere mit wenigen Teilnehmern (Chevron, Nedbank, Hyundai Tournament of Champions, etc.) Da sollten die mögliche Maximalpunktzahl halbiert werden. Andere Turniere dagegen sind für mich unterbewertet (Vor allem die WGC Turniere und die BMW PGA CHAMPIONSHIP). Hier sollte die Punktzahl fix auf 80 Punkte für den Sieg festgeschrieben werden. Damit wären die Turniere so viel Wert wie die Players. Was sie meiner Meinung nach auch sind.

    cya

    Allen ein gutes Spiel diesem Jahr. Und ein Schlag mehr als mir.

  • motzi sagt:

    Erstmal muss ich sagen, daß ich diesen Blog mit stetig wachsender Begeisterung lese.

    Ich bin für einen Bewertungszeitraum von einem Jahr auch wenn es dann vielleicht mal verrückte Konstellationen geben sollte. Ferner stimme ich Sense zu, diese Einladungsturniere sind einfach völlig überbewertet und andere Turniere mit deutlich stärkerer Topspielerpräsenz unterbewertet.
    Ich würde hier gerne den Vergleich zum Tennis sehen. Dort ist zwar auch nicht alles Gold was glänzt, aber die Weltrangliste spiegelt eher den Leistungsstand der Athleten wieder und die Bewertung der Turniere ist deutlich realistischer angesiedelt als in unserem schönen Sport.

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